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November 2014

Wasser

Amalfiküste

November 4, 2014

November: da kann noch mal schönes Wetter sein, es kann regnen – echt fieses Herbstwetter sein. Es kann auch bereits richtig Winter sein. Schließlich kommt man aus Deutschland. Und dann fährt man nach Süditalien und erlebt während der Reise… alles soeben Genannte, in mehrfachem Wechsel. In Rom noch einmal richtig Sommer, T-Shirt Wetter. Zuletzt überquert man die Bergkette, die den Küstenabschnitt bei Amalfi gegen Norden abtrennt und dabei fährt man durch einen nieseligen Nebel, der einen die Hand vor Augen kaum erkennen lässt, geschweige denn die Ziegen auf der schmalen Straße…. Die ist dabei so schmierig geworden, dass man mit dem Auto Pirouetten dreht, gegen die bergseitige Straßenseite abdriftet und gegen einen Felsen knallt. Wäre es die andere Seite gewesen, könnten hier womöglich keine Fotos vorgestellt werden…

Dann ist man an diesem exklusiven Ort, der sich die meiste Zeit des Jahres als Touri-Hölle präsentiert. Jetzt hat man ihn beinahe mit den Bewohnern alleine, meint man. Wenn man es so klug anstellt, dass man tagsüber die kleinen Dörfer am Meer meidet – nicht mal bewusst, sondern, weil es bei Wanderungen über die steilen Berge vieles zu entdecken gibt, dann bleibt der Eindruck bestehen. Man verpasst dann in den Orten tagsüber auch im November ganze Busladungen deutscher, japanischer oder amerikanischer Touristen, die alles im Schnelldurchlauf meistern – Respekt! Abends kehrt man in einen nur spärlich heimgesuchten Ort zurück.

Das launische Wetter und die wenigen Besucher, das erzeugt mitunter faszinierende, mystische Stimmungen in den steilen Hängen oberhalb des Meeres mit den vielen kleinen Dörfern und Häusergruppen, die sich in die teilweise senkrechte Landschaft einfügen. Nebelschwaden durchziehen die steilen Berge, dann und wann werden sie vom Sonnenlicht durchdrungen. auch um diese Jahreszeit bietet sich eine üppige Vegetation,auf vielen Gebäuden liegt eine Patina aus abgebröckeltem Putz, der ihnen erlaubt, Geschichte und Geschichten zu erzählen.

Hat man den Ort Amalfi einmal, vom Meer kommend, der Länge nach durchschritten, geht es nur noch die steilen, aber üppig bewachsenen Bergflanken hinauf. Den Weg aus unzähligen Treppenstufen führt immer wieder durch Mini-Siedlungen mit wenigen Häusern, bei denen jeweils ein Garten auf kleinster und der senkrechten Geografie abgetrotzter Fläche mit wahnsinniger Vielfalt an Anbaupflanzen gedeiht.

Die schwierige geografische Lage und das milde Klima begünstigten diese Tradition, die heute in guten und in wirtschaftliche schwierigen Zeiten diese Selbstversorgung erlaubt. Damit dürfte es freilich bald vorbei sein, wenn der Anbau aller möglicher Nutzpflanzen auch für den privaten Bedarf unter Strafe gestellt wird (die EU wollte dies bereits 2013 auf den Weg bringen). Wenn jedoch die Patentierung aller Nutzpflanzen abgeschlossen ist und der „Regulatorische Rat“, wie er im Transatlantik-Freihandelsabkommen vorgesehen ist, diese Ideen zu Gesetzt macht, müssen auch die Besitzer von kleinen Gärten jedes Stück Gemüse im Supermarkt kaufen. Wenn ihnen dazu mal das Geld fehlt, weil die extreme Topografie auch mächtig kostet bei der Infrastruktur, kann ja ein Rettungspaket helfen, freilich nur mit der Auflage von Verramschung öffentlichen Raums an private Investoren. Wäre ja auch zu schön… Mit der Pflanzenvielfalt hier wird es dann allerdings auch vorbei sein.

Zurück zu den Dörfern im Hinterland von Amalfi. Man steigt immer höher und die Dörfer werden zunehmend trutziger. Alle weiter oben gelegenen Weiler haben mindestens einen kleinen Wehrturm. Man steht hier oben, blickt an den wehrhaften Türmchen vorbei auf das nahe Meer und registriert, wie in dieser bilderbuchhaften Landschaft nahe dem Mittelmeer sich vor Jahrhunderten zwischen den Dörfern bekriegt wurde – wie im gebirgigsten Kurdistan. Man möchte sich dabei vorstellen, wie zwischen den Dörfern auf in Pfeif- oder Kelllautsprache oder auf sonst irgendeine verrückte Art kommuniziert wurde – vielleicht über das Tal hinweg – und wie des erst recht Spaß gemacht haben muss, als Kinder sich über die ferne zu verständigen, wo man sich trifft – an einem dritten Ort in der steilen Landschaft, den es dann als erstes zu erklimmen gilt. Wer den Roman „Der Baron auf den Bäumen“ von Italo Calvino gelesen hat, muss hier daran denken – auch wenn die Handlung darin in Ligurien spielt.