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In den Bergen

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Alpenglühen in Albanien

August 18, 2019

Die Albanischen Alpen machen ihrem Namen alle Ehre. Die Gipfel im äußersten Norden Albaniens sind die spektakulärsten der Balkanhalbinsel und ähneln mit ihrem massiven Felsaufbau den Bergen in den nördlichen Alpen. Anders als im Hochgebirge Mitteleuropas ist man hier an sonnigen Herbsttagen meist ziemlich allein unterwegs. Zum Glück gibt es auch einen Schutzheiligen für Bergwanderer und er nimmt seine Aufgabe sehr praktisch wahr.

Es sind die letzten Oktobertage. Das Wetter ist wunderbar für diese Jahreszeit. Hier in den Bergen im Norden Albaniens kann es im Oktober auch schon einmal richtig winterlich sein. Daher habe ich zum schönen wetter auch das Glück, dass nicht viele andere Reisende meine Idee geteilt haben. Es ist sehr wenig Betrieb im Valbonatal, das sich von Südwesten in die Albanischen Alpen hinaufzieht. Gestern habe ich mich an der Maja Rosit (übersetzt Rosengipfel) versucht, 2.524 Meter hoch – und musste feststellen, dass da oben dann doch schon mehr Winter herrscht als unten erwartet. Der eisige Wind – plus die fortgesetzte Zeit – machten meinem Aufstiegsversuch kurz vorm Ziel den Garaus.

Gipfel um das Valbona Tal

Heute steht meine Wanderung zum Valbona Pass und weiter ins Tal nach Thethi an – das wird eine tolle, aber auch anstrengende Tour, soviel steht fest. Also: Früh aufbrechen! Ich verlasse um Viertel vor sechs das Bett und bin um halb Sieben im Jeep meines Herbergsvaters die Schotterebene hinauf unterwegs in Richtung Talschluss.

Lange Schatten am frühen Morgen

Die Sonne strahlt erst die allerhöchsten Gipfel an. Beim Dorf Rrogam geht es mit dem Jeep nicht mehr weiter, hier beginnt nun das echte Wandern. Die alten Häuser aus massiven Felssteinen, wehrhaft gegen Unbilden des Wetters, liegen noch im ganz im Schatten.

Später am Tag im gleißenden Sonnenlicht: Traditionelles Haus des Hochgebirges

Es regt sich noch nichts im Dorf, die meisten Bewohner sind um diese Zeit Ende Oktober ohnehin nicht mehr im Dorf, sondern haben sich in die nahen Kleinstädte oder nach Shkodra oder Tirana zurückgezogen. Ich gehe also ganz alleine und unbeobachtet durch die Morgendämmerung und es ist verdammt kalt. Kurz hinterm Dorf auf einmal jemand, der dasselbe Ziel zu haben scheint. Er kommt quer des Wegs und ist entschieden schneller und zielstrebiger unterwegs als ich. Obwohl er über der Schulter ein kleines Transistorradio trägt, einen Forest-Blaster würde ich gern sagen.

Radio Maria: Der Sound in den Alpen Albaniens

Pjeter heißt er und es stellt sich heraus, er betreibt ein Café auf dem Weg zum Valbona Pass. Und er bietet mir an, dass wir gemeinsam aufsteigen. Ich find’s natürlich auch nett, ein wenig Gesellschaft zu haben, ich fürchte nur, dass sich allzu schnell meine komplette fehlende Fitness herausstellt. Und genau so ist es dann auch. Pjeter springt den steilen Weg fast bergauf, jünger als ich ist er auf keinen Fall, und als wir einmal anhalten, erzählt er, dass er Sinusitis hat, also eine Nasennebenhöhlenentzündung. Es geht einfach nicht wieder weg, macht ihn schon ein bisschen schlapp. Puh, denke ich, was hab ich dann so alles…? Bei einer kleinen Pause, in der ich erstmal wieder zu Atem zu kommen versuche, drückt er zwei Zigaretten weg. Dabei läuft als Soundtrack die ganze Zeit Radio Maria – ein katholischer Radiosender aus Tirana, der sich nicht scheut die größten kirchlichen bis poppigen Gassenhauer zu spielen, die irgendwie christlich-religiösen Hintergrund, Inhalt oder Sound haben. Ich find’s eine prima Situation. Pjeter erzählt, dass er während der Saison – die Wandersaison ist gemeint – eigentlich immer in seinem Café schläft. Nur jetzt in den letzten Tagen wurd’s ihm zu kalt und dann schläft er im Dorf, durch das ich auch gerade gegangen bin und das über mehrere Hügelketten verstreut liegt und dabei größer als gedacht ist. Im Winter lebt Pjeter übrigens in Shkodra, das gefällt ihm aber gar nicht, er ist viel lieber in die Natur hier oben in den Bergen. Irgendwie erinnert er mich an jemanden, eine Berühmtheit. Ich komme noch nicht drauf

Auch nach der Pause komme ich leider einfach nicht mit. Ich muss ihn ziehen lassen, was mir schon reichlich peinlich ist. Lächerlich, vor allem, weil ich noch viele höher hinaus will.

Es ging dann noch ein steiles Schlussstück zu Pjeters Café hinauf – Café Simoni heißt es. Indoor und outdoor gehen hier ineinander über, alles ist ein bisschen improvisiert, wie man es an einem Platz ohne Strom- und Wasserversorgung nicht besser machen könnte. In eine Hütte kann man bei schlechtem Wetter ausweichen, in einer weiteren ist Pjeters Schlafplatz untergebracht.

Ich bekomme erstmal einen Kaffee und bleibe noch ein wenig zum Plaudern. Der Rastplatz im Wald wird von der flach einfallenden Morgensonne durchflutet, die Strahlen, vom Laub gebrochen, tauchen die Szenerie in ein unwirkliches Licht. Eigentlich ist das so ein perfekter Moment, ich bekomme Hochgefühle von einer Robinsonade oder dem „Morgen der Welt“.

Wärme zieht ein nach einer kalten Herbstnacht
Viel Außenbereich

Pjeter betreibt das „Café“ bis zum Einbruch des Winters, die kalten Monate über lebt er in Shkodra im Norden Albaniens. Zum einen liebt er es, in der Natur zu sein, zum anderen ist seine Passion, eine Proviantstation zu bieten für alle, die hier unterwegs zum Pass oder zu den Gipfeln sind. Man kann ihn also mit etwas Pathos als leibhaftigen Schutzheiligen der Albanischen Alpen nennen – ein Schutzheiliger, der seine Aufgabe im Hier und Jetzt ganz wörtlich nimmt.

Pjeter macht es sich in seiner Hütte, besser gesagt, in seiner Hüttenlandschaft mit reichlich Outdoor-Platz gemütlich und wartet gespannt, wer heute noch des Weges kommt. Allzu viele dürften es nicht sein.

Aber ich bin ja nicht wegen des Cafés hier, sondern möchte auch noch im morgendlichen Licht weiter hinauf wandern. Ich nehme den Valbona Pass ins Visier und danach gegebenenfalls weiter ins Tal von Theth auf der anderen Seite. Bis zum Pass seien es lediglich eineinhalb Stunden, meint Pjeter. Naja, denke ich, mal sehen – man kennt ja die Zeitangaben der Leute in den Bergen. Bei ihnen gehen die Wege immer etwas schneller als bei Bergtouristen mit zweifelhafter Fitness wie mir. Bei gleichmäßigem Schritt schaffe ich es tatsächlich in weniger als zwei Stunden und gehe noch ein wenig weiter Richtung Tethi, ohne allerdings ganz dahin abzusteigen. Der Rückweg würde erneut 1.000 Meter bergauf plus anschließendem Abstieg bedeuten.

Der Blick hinunter ins Valbona-Tal ist atemberaubend schön. Perfekte Herbst-Landschaft.

Beim Abstieg mache ich natürlich noch einmal bei Pjeter Halt. Bei der Ankunft hat der Schatten der zackigen Gipfeln gerade eine scharfe Line durch die Szenerie gezeichnet, halb liegt das Gelände noch im Sonnenschein. Gerade hat sich das Café gefüllt: sechs Jugendliche, die hier den physischen Teil ihrer Prüfungen zum Duke of Edinburgh Award absolvieren – eine Art Reifeprüfung auf allen Ebenen – machen hier gerade Pause, samt Betreuern. Für den Kaffee und den Schnaps, den Pjeter mir gibt, will er nichts bekommen – ein wahrer Schutzheiliger, der hoffentlich hin und wieder auch an sein eigenes Auskommen denkt.

Und jetzt weiß ich auch, an wen er mich erinnert – Tommy Lee Jones (oder?).

Auch Arthur ist zu Gast bei Pjeter, er bespricht mit den Guides der jungen Award-Teilnehmer eine mögliche Tour, Arthur ist Bergguide und führt Bergwanderer über die Peaks of the Balkans. Die gesamte Tour verläuft zehn Tage durch die Gipfelregionen von Albanien, Montenegro und Kosovo. Okay, das nehme ich mir für ein anderes Mal vor. Erstmal wandere ich mit Arthur zusammen zurück ins Tal und bekomme durch seinen Vater noch eine bequeme Rückfahrgelegenheit zu meiner Pension geboten. Abends falle ich ermüdet, aber zufrieden ins Bett. Beim Abendspaziergang hier im unteren Valbona-Tal, wo die Gipfel noch enger beieinander stehen, sehe ich neben meiner Pension noch eine wertvolle Hinweistafel: Wie verhalten, wenn man einem Bären begegnet – sich laut bemerkbar machen, nicht wegrennen, sondern laut reden und langsam den Rückzug antreten. Der Hinweis wäre für die heutige Wanderung zu spät gekommen, aber ich bin sicher, ich hätte es ähnlich cool gemacht.

Pension Rilindja im Valbona Tal
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Wandern in den Bergen von Santo Antão – grüne Kapverden

Januar 9, 2018

Oh, Mann… Vor einer halben Stunde konnte ich wenigstens noch uns Tal blicken. Wie ein grüner Graben breitete es sich unter mir aus, beschirmt von bizarr-zackigen Gipfeln. Jetzt ist nichts als graue Suppe um mich. Dafür all die Anstrengung? Denn es sieht nicht eben aus, als wollte diese Nebel-Wolken-Mischung weiter oben wieder aufbrechen. Der Weg aus Pflastersteinen, der den steilen Hang in unendlich vielen Kehren hinauf strebt, ist dabei zwar gut zu gehen, aber er verliert sich immer einige Meter vor mir im trüben Nichts. Komplette Stille.

Ich hätte gewannt sein müssen. Schließlich liegt diese Insel an der Passat-Front. Die feuchten Luftmassen vom Atlantik, in bestimmter Jahreszeit sind es unerbittliche Stürme, treffen mit Santo Antão auf die erste Insel der Kapverden. Und wenn es heißt, die neun bewohnten Inseln seien sehr verschieden – manche wüstenartig flach, andere zerklüftet und auch trocken – und Santo Antão sei die grünste von ihnen, dann ist erst recht klar, dass das Wetter hier launisch sein kann. Dabei ist Santo Antão selbst wie ein kleiner Kontinent. Obwohl gerade einmal 779 Quadratkilometer und damit kleiner als der Stadtstaat Berlin, gibt es eine beachtliche landschaftliche Vielfalt. Im Süden, hinter der Inselhauptstadt Porto Novo ist es relativ flach trocken. Vom Südwesten bis in den Norden ist es ebenfalls trocken, die Landschaft aber bergiger, teilweise zerklüftet wie im Südwesten der USA. Bis zu 2.000 Meter hoch wachsen die Berge, teilweise Vulkane in den Himmel, oben wird Landwirtschaft betrieben. Und dann eben die grünen Täler ganz im Norden.

Auch die Bäume weinen

An deren Gipfeln hängen sehr oft Wolken. Das macht Sinn, sonst wäre die Landschaft hier weniger grün. Mitten in diesen Wolken befinde ich mich jetzt gerade. Es nieselt, aber nicht vom Himmel, sondern nur aus Bäumen und Sträuchern, an denen der unablässig über die Berggrate wabernde Nebel Unmengen an Feuchtigkeit hinterlässt. Vielleicht weinen die Bäume ja mit mir über die trübe Wetterstimmung, und in Gedanken haben wir gemeinsam die wunderschönen Bilder, wie sich die bizarre Berglandschaft im Sonnenschein ausbreitet, in der nicht so fernen Ferne leuchtet dazu der blaue Ozean. Auch wenn es beim Aufstieg kleine Lücken am Himmel mit Blau gab, kann ich mir das gerade kaum vorstellen, ich hab’s hier ja auch noch nicht gesehen, die Bäume schon…

Zurück zur Realität: Wegen der schlechten Sicht ist das Ende des Aufstieges nicht erkennbar. Hinweisschilder dieser Art gibt es natürlich nicht, diese Wege sind auch nicht für wandernde Touristen eingerichtet, sie sind vielmehr immer noch Transportwege für die Einheimischen, deren Häuser abseits der Straßen liegen. Angesichts der Anstrengungen des nun schon mehr als zwei Stunden dauernden Aufstiegs macht sich ein bisschen deprimierende Stimmung in mir breit, aber hey: es wird schon ein Ende der Strapazen geben. Und abbrechen gibt’s nicht.

Auf einmal jedoch sieht es so aus, als steige der Felshang über mir nicht weiter an und zwei Kehren weiter befinde ich mich ich auf einer Art Sattel. Rechts und links zieht sich der Felsgrat noch etwas höher, aber nach kurzer Zeit gibt es eine kleine Auflockerung und ich sehe in den Krater Cova de Paul. In den Krater hinein zu gehen, kostet dann gerade einmal 15 bis 20 Minuten und hier sieht auf einmal alles recht unspektakulär aus. Der Krater ist eine fast ebene Fläche von weniger als einem Kilometer im Quadrat, auf der sich Felder befinden und einzelne Kühe angebunden herumstehen. Aus kleinen Ställen am Rand der Fläche tönen andere Tiergeräusche. Immer wieder ziehen dichte Nebelfronten von einem Ende zum anderen, dazwischen klart es kurz auf. Der Kraterboden liegt wohl auf etwa 1.100 Metern, die höchsten Zacken am Rand erreichen 1.500 Meter.

Das sieht jedenfalls anders aus, als ich es vom Tal aufsteigend erwartete. Denn untern wähnt man sich in einer sehr spektakulären Vulkanlandschaft. Meine Vorstellung: Die im Wolkendunst liegenden Spitzen müssten gerade erstarrte bizarre Felskrater sein, einer Urlandschaft ähnlich.

Nun denn, wieder hinab ins Tal von Paul. Und das bewahrt sich sein Mysteriöses auch beim Abstieg: Die Wolken geben den Blick erst weiter unten frei. Die höchsten Gipfel bleiben ohnehin die gesamte Zeit über verhüllt. Als müssten sie als Beschützer eines lieblichen Tals ganz vornehm im Hintergrund bleiben.

Trotzdem erkennt man ihre zackigen Formen, wegen derer man eben auch die Krater dahinter wilder vermutet. Beim Abstieg klart es ziemlich genau an jener Stelle auf, wo auch Wald und wildes Gestrüpp von den höchstgelegenen landwirtschaftlichen Flächen abgelöst werden. Bald erscheinen die ersten Häuser wieder, umgeben von Terrassenfeldwirtschaft an den steilen Hängen. Wobei die Terrassen nicht in den Hang hineingehauen wurden, vielmehr haben die menschen hohe Mauern aus Felssteinen aufgeschüttet und den Raum hangwärts mit fruchtbarer Erde aus dem Talgrund aufgeschüttet. Anstatt den Hängen etwas abzuringen, haben sie sie gewissermaßen aufgemotzt – mühevoll.
Etwas ganz Spezielles ist auch die Wasserversorgung auf Santo Antão. Zwar gibt es ausreichend Niederschläge, aber an das Wasser kommt man nicht so ohne Weiteres heran. Es versickert nämlich erst einmal und durchfließt viele durchlässige Gesteinsschichten, teilweise bis auf Meeresniveau. Es kann somit nur an ganz bestimmten Stellen gefördert werden. Um die Terrassenfelder zu wässern, ist daher ein ausgeklügeltes System von Kanälen angelegt worden.

Diese Levadas werden teilweise von den wenigen natürlichen Wasserläufen abgezweigt. Es sieht ein wenig aus wie die Waalwege in den Alpen. Eins der ersten Häuser am Weg bergab gehört Juze Anton. Der ältere Herr sitzt auf der Terrasse seines Hauses, das nach vorn bescheiden wirkt, von der Talseite jedoch weithin sichtbar ist und als eines der größten erscheint. Wie er da so sitzt in weißem Hemd und Anzughose – es ist Sonntagnachmittag – sieht er sehr würdevoll aus und scheint sich über die Aussicht, von einem dahergelaufenen Wanderer abgelichtet zu werden, ehrlich zu freuen. Seine Frau Alice nimmt ihr Kopftuch ab und Posieren können beide gut.

Überhaupt scheint das Posieren den Kapverdianern in die Wiege gelegt zu sein. Kein Wunder, denn sehr viele von ihnen sind objektiv betrachtet einfach sehr schöne Menschen. Gerade die Leute in den Dörfern auf Santo Antão haben sich zudem eine große Natürlichkeit bewahrt. Wie lange das angesichts des boomenden Tourismus noch anhält, bleibt abzuwarten.
Auf dem Weg weiter ins Tal hinab bittet mich eine Frau vehement in den Innenhof ihres Hauses, um mir eine Tasse Kaffe anzubieten. Nach zwei Schluck möchte sie dann unumwunden 500 Escudos dafür haben, das sind 5 Euro.

Ökotourismus: Einer der ersten auf der Insel

Zurück im Tal, auf der Strasse, an der sich fast alle Siedlungen aufreihen. Meine Wanderung hat mich müde, mit einer schummrig-gemütlichen Note zwischen Kopf und Beinen gemacht. 700 steile Höhenmeter mache ich nicht gerade täglich. Leider hat die Bar O Curral heute bereits um 16 Uhr ihre Pforte geschlossen. Gestern war ich bereits hier und habe mich ein bisschen durch die lokalen Spezialitäten aus biologischem Anbau probiert.

Alfred Mandl war hier im Jahr 2003 Pionier mit einer ersten Ökotourismus-Einrichtung auf Santo Antão. Das Café-Restaurant bietet Leckereien, die fast alle aus der eigenen kleinen Landwirtschaft nebenan stammen. Der Grogue, auf den ganzen Kapverden reichlich fließender und wohlschmeckender Rum aus Zuckerrohr, wird hier in vielen Varianten angeboten, auch als Likör. Auch Öle sowie den Queijo, eine lokale Ziegenkäse-Spezialität, gilt es zu probieren. Und natürlich den Wein von der Insel Fogo. Schmeckt alles hervorragend, muss ich sagen. Und selbst dem sehr intensiv schmeckenden Zuckerrohrsaft kann ich etwas abgewinnen, den muss ich allerdings nicht in rauen Mengen haben.

Dass hier, gerade im Vale do Paul so einiges aus Zuckerrohr gemacht wird, verwundert nicht. Die langen Stauden mit ihren weichen Federn an der Spitze, die jeder gelegentlich auftauchende Sonnenstrahl zum Gleißen bringt, sind allgegenwärtig. Wohl noch häufiger als Bananenstauden und Papayabäume.
Überhaupt, die Felderwirtschaft. Ist die Naturlandschaft mit ihren Krokodielsrückenartigen Bergen und dem engen Tal von Paul filigran, passen sich die Anbauflächen der Bauern an: Winzige Parzellen, jeder Quadratmeter wird von den Talbewohnern genutzt zum großen Teil zur Selbstversorgung. Aus igrendeinem seltsamen Grund dürfen Lebensmittel nicht von Santo Antão auf die anderen Inseln exportiert werden. Schuld ist ein Keim, vor dem man sich dort fürchtet.

Schlafen im Paradies

Heute also leider keine Bio-Spezialitäten in der bar O Curral, Sonntags wird früher Feierabend gemacht. Dafür strande ich auf dem langsamen Heimweg talabwärts in der Bar von Jorge. Die Party ist bereits aus drei Kilometern Entfernung zu hören, eine Mischung aus traditioneller kapverdischer Musik – dem Batuku – und Hiphop im globalen Stil mit leicht lokalem Einschlag. Ursprung des talfüllenden Sounds ist die Bar am tiefsten Punkt des Tals, bevor ich noch einmal zum finalen Anstieg zu meinem Traum-Domizil ansetzen muss. Es ist gerade noch schöner Spätnachmittag, der Himmel aufgelockerter als den restlichen Tag, also kehre ich ein. Und es ist wohl die erste Bar, in der die Musik leiser gestellt wird, man als erster Gast einkehrt. Also sitze ich da alleine bei nun leiserer Musik. Aber das macht nichts, denn ich trinke ja einen Grogue. Eine wohlwollende Müdigkeit krabbelt langsam meinen Körper von unten hinauf. Der Grogue tut sein Übriges und der mit Maracujasaft versetzte Grogue, den mir Jorge noch so nebenbei zum Probieren gibt und der mich an Likörgetränke aus der Jugend denken lässt, dabei aber bedeutend weniger chemisch schmeckt, tut es auch.

Schließlich mache ich mich auf den letzten Anstieg zu Aldeia Manga, Heimat für sechs Nächte. Das Resort liegt fern der Durchgangsstraße erhöht auf der ruhigeren Talseite. Der Weg führt zwischen Feldern entlang, gerade ist Höhepunkt der „Blauen Stunde“. Letzte Helligkeit fällt über die Berge uns Tal, schwere Wolken schaffen eine mystische Stimmung. Vom Weg sehe ich gegenüberliegende Berghänge, an denen sich einige funzlige Straßenlaternen aufreihen. Dass dort oben unter Bäumen überhaupt noch Häuser stehen, hätte ich nicht gedacht, dass sie diesesn Service der nächtlichen Beleuchtung haben, erst recht nicht. Es sieht im Halbdunkel sehr schön aus.

Aldeia Manga – ein kleines Paradies: Sechs Bungalows liegen unter Bananen- und Papayabäumen in absoluter Ruhe. Traumhaft schön, dabei angenehm einfach ohne Luxus und wahrhaft ökologisch geführt. Plastik-Wasserflaschen sind tabu. Das Leitungswasser wird mit Hilfe von UV-Filtern gereinigt und schmeckt super. Das Essen kommt von den Kleinbauern der Umgebung.

Man passt hier die Tagesrhythmen der Natur an. Das Abendessen wird pünktlich um 19 Uhr zum Einbruch der Dunkelheit serviert, ab kurz nach 20 Uhr haben die Bediensteten frei, man kann dann noch Getränke aus dem Kühlschrank nehmen und bis in die Nacht hinein auf der Terrasse abhängen. An meinen Abenden sind die abendlichen Pläuschchen mit anderen Reisenden meist begleitet von stetem Wind, der die riesigen Blätter der Bananenstauden ordentlich herumwirbelt. Jorge, den Mann von der Bar, sehe ich hier mehrfach wieder. Er ist so etwas wie ein Allroundworker. Er mäht Rasen, baut an Möbelstücken herum, und ist auch an anderen Orten im Tal zur Stelle, wo helfende Hände oder Kommunikation gefragt sind.

Auf und ab überm Atlantik

Der Wind ist die ganze Nacht zu hören, aber das macht nichts. Mich beruhigt es. Ich muss dazu sagen, ich habe ein starkes Faible für stille Orte in einsamen Tälern, am besten unter steilen Gipfeln. Ich fühle mich da immer geborgen und eins mit der Welt. Schlaf also allemal gut.

Am nächsten Tag heißt es dann wieder wandern. Dieses Mal aber mit Meerblick. Zunächst geht es durch die Ribeira Grande, vorbei an steilen Terrassenhängen.

Dann runter zum Meer. Hier unten ist das Wetter gleich besser, auch wenn ein starker Wind keine richtige Wärme aufkommen lässt. Faszinierend finde ich bei dem Weg von Cruzinha nach Ponta do Sol, dass auf jedem Flecken Land, der nicht zu steil ist, Menschen siedelten.

Auch dort, wo tiefe Canyons sich nach wenigen Metern in eine Meeresbucht übergehen. Ruinen von einstigen Dörfern zeugen davon. Landwirtschaft ist kaum möglich, vielleicht ein bisschen Fischfang. Unterwegs begegnet man auch einer Stelle, an der viele Riesenkanister lagern, ein Hinweis, dass hier tief im Fels Wasser aufgefangen wird, dass die Gesteinsschichten durchfließt und hier nahe an der Oberfläche zutage tritt.

Den nächsten größeren Ort Ponte do Sol erreicht man auf schweißtreibenden Wegen. Zwischen den Dörfern Forminguinhas und Corvo und ganz besonders zwischen Corvo und Fontainhas geht es hunderte Höhenmeter bergauf und wieder bergab.

Wenn Fontainhas ins Bild kommt, meint man, die Häuser des Ortes habe ein Riese einfach nach Laune in eine Urlandschaft hingeworfen, so wild verteilen sie sich über die Hügel mit steilen Felsflanken, meist liegen die Häuser oben auf einem Hügelgrat.

Erschöpft, aber wieder ziemlich glücklich erreiche ich Ponte do Sol, das auf den ersten Blick einigermaßen schmucklos auf einer Landzunge liegt. An deren Spitze erstreckt sich gar eine Landebahn. Doch die war bisher einfach zu kurz und die Enden gehen unmittelbar in den Atlantik über, so landet und startet hier auf absehbare Zeit kein Flugzeug. Ein Glück für diese stille Insel.

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Über den Rücken der Kapverden-Insel Santo Antão

November 10, 2017

Einmal von Nord nach Süd geht es über die Insel Santo Antão. Und bei dieser kurvenreichen Fahrt wird klar, dass dies nicht nur die grünste sondern auch die vielfältigste Insel der Kapverden ist. Im trockenen und sonnigen Westen der Insel geht es die Bordeira de Norte hinauf, die Geländestufe zum vulkanischen Hochland, wo man sich ein wenig aus der bewohnten Welt hinausgeworfen fühlt.

Dass sich die schönsten Aussichten dieser Insel nicht leicht erschließen, das weiß ich mittlerweile. Aber dass sie mir während meines gesamten Aufenthalts verschlossen, besser gesagt: verschleiert bleiben, ist dann doch betrüblich. Ganz oben auf dem Inselrücken herrscht dichter Nebel. Die Menschen, die hier an der Straße leben, laufen in dicken Jacken herum. Es scheint nichts Außergewöhnliches zu sein, dass es hier oben am Morro Conceicão in fast 1.400 Meter Höhe regnerisch und kühl ist. Wie schön die Aussicht in alle Richtungen sein muss, kann ich nur erahnen. In Corda auf der Nordseite der inseldurchquerenden Straße schien noch die Sonne durch diesige Wolken. Eine seltsam abgeschiedene Stimmung herrscht gerade in dem Dorf, das weit oberhalb der Küste liegt und dem Meer damit schon fern, obwohl es keine 10 Kilometer Luftlinie entfernt ist. Die Menschen wirken viel zurückhaltender als in den Orten an der Küste. Sie leben auch nicht so selbstverständlich draußen auf der Straße, sind viel mehr in ihren Häusern, was natürlich mit dem kühleren Klima zu tun hat.

Gleichzeitig tun die terrassenförmigen Felder und einzelne Zypressen so, als sei das alles ein irgendwie warmes Terrain. Die Zypressen stechen so übertrieben lang und spitz in den Himmel, als wollten sie ihre Vereinzelung wettmachen und mit aller Macht an die Toskana erinnern.

Zypressen

Auch Corda liegt schon sehr hoch. Unterhalb von Corda liegt die spektakulärste Stelle der Straße. Am Delgadim nimmt die Straße die gesamte Breite des Berggrats ein. Zu beiden Seiten fallen die Felswände hunderte Meter steil ab. Die Bergrücken reihen sich hintereinander wie Krokodilsrücken. Wolken und Nebel geben dem Ganzen eine besondere Atmosphäre.
Bis genau zu dieser Stelle hat mich Jose gestern bereits gefahren. Ich bin von hier aus die Straße zurück nach Ribera Grande gewandert, langsam an die Küste hinunter, in vielen Serpentinen. Da kannte ich noch nicht die Passstraße Richtung Süden und dachte beim ersten Haus unterhalb von Delgadim: Das ist das höchstgelegene Haus weit und breit. Hinaus trat kurz zuvor Manuel. Der Vater von vier Kindern ging über die Straße, um über eine kleine Kuppe dorthin zu gehe, wo es nur nach Abgrund aussieht. Ich bin ihm gefolgt und habe mir angesehen, wohin er geht.

Mit seinem 20-Liter-Plastikkanister ging er an der praktisch senkrechten Wand entlang, um einen Talschluss im Halbrund herum. Geschätzte 60 Höhenmeter tiefer verschwindet er unter Bananenstauden. Als er zurückkommt, nach verdammt kurzer Zeit – ich hätte sicher das Dreifache gebraucht – erklärt er mir, dass da unten ein kleiner Wasseraufschluss ist. Beim Hinaufklettern über den steilen Pfad trägt er den wahrscheinlich 20 Kilo schweren Kanister auf dem Kopf und absolviert den Weg fast tänzelnd. Dabei hat er die ganze Zeit ein Lächeln auf den Lippen, als wäre das hier das Leben, das er sich ausgesucht hat.

Dass de Landschaft hier oben schon relativ trocken erscheint, irritiert ein wenig, schließlich habe ich die letzte Nacht in etwa zwei Kilometer Luftlinie Entfernung verbracht und dort wähnte ich mich im Regenwald. Das Geheimnis ist, dass die Feuchtigkeit in der Luft, weil in den Bäumen liegt. Und mein Domizil lag ganz unten im Talkessel, während wir uns hier über den meisten Wolken befinden.
Im Tal von Xoxo hat man das Gefühl, die Berge würden in den Himmel wachsen. Die Tatsache, dass man die Spitzen nicht sieht und es von oben einen beständigen Nieselregen gibt, verstärkt dieses Gefühl natürlich.

Völlig unbeirrt und wie aus einer anderen Welt erscheinen mir als Reisendem die Einheimischen, die sich die steilen Pfade mit Eseln und schwer bepackt hinauf und hinab quälen. Wo ist das Ziel da oben? Es gibt immer noch ein Mini-Dorf, oder besser gesagt: eine Ansammlung von Häusern, die noch weiter den Berg hinauf liegt. Man sieht sie nur von unten oft nicht. Ich hätte den Weg vom Talk von Xoxo zum Aussichtspunkt Delgedim zu Fuß absolvieren können, das schlechte Wetter hat mir diese Idee ausgeredet. Scha

Und dieses Immer-weiter-hinauf zieht sich dann über den gesamten Inselrücken. Wo man am höchsten ist, sieht man wie beschrieben leider nicht aufgrund des schlechten Wetters.

Jenseits der Wasserscheide af der Südseite des Vulkans wird es auf einemmal trockener, aber auch unspannender. Super dass man plötzlich nach Süden zum Meer bei Porto Novo blicken kann.

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Die Natur als Künstlerin: Alpenfluss Soča in Slowenien

Oktober 11, 2017

Die Soča durchfließt die slowenischen Alpen vom Triglav Nationalpark bis in die Küstenebene der Adria bei Trieste. Die Klammen mit verblockten Felsen sind genauso spektakulär wie die Farbe des Alpenflusses.

Das ist ja wirklich so blau wie auf den Fotos, die ich zuvor gesehen habe. Wenn man sie denn mal sieht, die Soča. Denn an vielen Stellen stehen die Felswände, durch die sich der Fluss zwängt, verblockt und verdecken den Blick aufs Wasser. Eine wilde Klamm hat sich die Soča hier in den Kalkstein der Julischen Alpen gegraben. Spektakuläre Abschnitte gibt es einige, wie zum Beispiel hier etwas unterhalb des Dorfes Soča. Beim Kamp Soča und dem Dorf Podklanec starten Pfade, die eine der pittoreskesten Abschnitte begehen. Ich biege ab und zu vom Pfad ab. Sehr schön: Man wird nicht auf langweilige Holzstege gezwungen, die die wilde Natur in eine zivilisiertes Korsett zwängen. Vielmehr geht es kreuz und quer über die Felsen und ich kann mich auch schon mal über den Abgrund lehnen und dem lauten Rauschen und Gurgeln unter mir zuhören.

Was weiteres Staunen erzeugt: Die Farbe ändert sich je nach Lichteinfall, Sonnenschein, Fließgeschwindigkeit und Untergrund. Stromschnellen sind natürlich etwas tolles, aber das ruhige Wasser bietet das intensivste Blau beziehungsweise Türkis.

Berühmt ist die Sofa nicht nur für ihre spektakulären Klammen, auch weiter unten fließt der Fluss naturbelassen in einem breiteren Bett und das ist im Alpenraum sehr selten, fast schon einzigartig. Hoffentlich bleibt dies auch so. Es gab bereits Pläne, die Soča zwecks Energiegewinnung aufzustauen – was eine Sünde höchsten Grades wäre.

Die Hängebrücken verstärken den Abenteuercharakter der Landschaft. Sie haben meist schon bessere tage gesehen und sind schwingungsintensiv.

Eine echte Konkurrenz erwächst – oder besser erfließt – der Soča im eigenen Nebenfluss: Das kurze Flüsschen Tolminka, das bei Tolmin in die Soča mündet, bildet die Tolminska Korita. Am Grund dieser fast 100 Meter tief eingegrabenen Klamm erahnt man nur gerade so, dass es mitten am Tag ist. Die Sonne scheint dann gerade mal durch die kleine Öffnung der Schlucht hinein.

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Am Mount Snowdon in Wales

Juli 7, 2017

Er ist der höchste Berg der Britischen Inseln außerhalb der Schottischen Hochlande und der König von Wales: Mount Snowdon. Auch wenn seine Höhe mit 1.085 Metern bescheiden klingt, verlangt er einem einiges an Kondition ab. Doch die Mühen lohnen. Bilderbuch-Landschaft in tausend Grüntönen und eine atemberaubende Aussicht.

Ich war immer gut in Geographie und ohne dass ich das will, schwirren mir immer noch die Gipfelhöhen deutscher Mittelgebirge im Kopf wie Ohrwürmer von Radio-Werbeslogans: Sind halt drin, gehen nicht mehr raus. Beim Betrachten der höchsten Berge Britanniens auf der Karte dachte ich daher immer: Oje, richtige Berge gibt’s ja dort nicht. Irrtum! Die Meereshöhen liegen zwar im Bereich von Fichtelgebirge, Rhön oder bestenfalls Bayerischem Wald. Was man dabei jedoch bedenken muss: Unten, am Fuß der Berge ist meistens Null. Meereshöhe, es geht also die gesamte Höhe in einem Rutsch hinauf. Je näher man dabei der Westküste kommt, ob in Schottland oder Wales, umso schroffer greifen Meer und Land ineinander und umso malerischer wird die Landschaft.

Und – umso mehr regnet es. Eine Wanderung von geschätzt 7 Stunden (bei bumsfideler körperlicher Verfassung – für uns wird es also eher länger dauern) möchte man nicht unbedingt angehen, wenn es regnet, stürmt oder neblig ist, zumal der Berg mit seiner Aussicht dann knausert. Also abwarten mit der Wanderung auf den Mount Snowdon bis zu einem Schönwettertag. Und an unserem letzten Tag in der Region war der da: Sonne pur, das glatte Gegenteil der letzten Tage.
Auf dem Weg zum Mount Snowdon locken leider erst einmal viele idyllische Plätze zum Haltmachen und kurz aussteigen. Das Tal des Afon Glaslyn verzaubert mit Lichteinfall in dunkle Miniaturschlucht, auch wenn sich durch die Schluechtd er Verkehr quetscht. Der tut das aber ganz gemächlich, der Verkehr. Die Straßen sind so eng, bei nur minimalem Abweichen eines Autos von der Idealroute wäre unweigerlich Blechschaden zu beklagen. Das Dörfchen Beddgelert (ja, der Diminutiv muss sein) liegt sehr hübsch an einer steinernen Brücke und ist einen Zwischenhalt wert.

Wie der Llyn Gwynant, ein kleiner See auf der Südseite von Mount Snowdon sein Blau zwischen die vielen Grüntöne der Landschaft funkelt, muss von einem Aussichtspunkt oberhalb des Sees gewürdigt werden.

Etwas weiter oberhalb liegt dann der Parkplatz Pen-y-Pass, von wo aus wir starten. Der Weg von hier hat zwar die geringste Höhendifferenz zum Gipfel, aber der am leichtesten zu gehende ist er nicht, hier und da muss man die Hände zur Hilfe nehmen. Ehre gerettet!

Halb Britannien scheint unterwegs zu sein, dass es bei den seltenen Sonnentagen hier nicht gerade einsam zugehen würde, war klar. Was mich begeistert: Ganzen Großfamilie wandern den Berg hinauf. Man scheint die Besteigung eines der drei höchsten Berge des United Kingdom sehr ernstzunehmen. Die wenigsten werden aber wohl die National Three Peak Challenge absolvieren. Dabei geht es darum, die höchsten berge Schottlands, Englands und Wales‘ innerhalb von 24 Stunden zu besteigen, mit motorisiertem Transfer natürlich. Die Gruppen, die hier eine normale Tageswanderung hinlegen und dabei zwischen Flipflops und Stiefeletten bis zu perfekter Outdoorausrüstung verschiedenstes aufbieten, haben so ziemlich alles zu bieten: Hunde, Kleinstkinder, auch Urgroßmutter kommt mit.

Die Aussicht ist großartig, schon auf einem Viertel des Weges, die vielen kleinen Seen in den Tälern ringsum. Wir haben einen Tag mit perfekt klarem Wetter erwischt. Etwas unterhalb des Gipfels berichten uns redselige entgegen kommende Wanderer (haha, beim Abstiegt kann ich das auch!) davon, dass sie vor einer Stunde auf dem Gipfel das großartige Schauspiel geboten bekamen: Der leichte Nebel, der gerade noch da war, verzog sich gerade. „Was für ein Augenblick.“ Ja, ja, der ist uns wegen der schönen Landschaft auf dem Weg erspart geblieben. Nunja, ist auch so toll.

Im warmen Nachmittagslicht oberhalb der subalpinen Landschaft geht es wieder bergab. Und zwei Stunden bevor es dunkel wird, laufen uns ein paar Supersportler entgegen, den Berg hinauf. Wollen wohl noch eben einen Berglauf absolvieren, oder sind sie spät dran bei ihrer National Three Peaks Challenge?

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Felsendorf Kandovan

April 20, 2017
Kandovan im Norden des Iran

Im Nordwesten des Iran, in der Provinz Ost-Aserbeidschan, liegt Kandovan. Am Ende eines Tals ist das Dorf in die Tuffstein-Formationen des Kuh-e Sahand Gebirges hineingebaut. Archaisch und gleichzeitig von hoher Baukultur zeugend – ein wunderschöner Ort in einsamer Landschaft.

Wir fahren gerade durchs einen See, mit Tempo 100. Das Problem: Der See befindet sich auf der Straße. Wenn wir von derselben abkommen, prallen wir gegen irgendwas Felsiges oder rauschen den Berghang hinab. Was sich seitlich der Straße genau befindet und wie breit sie ist, kann ich nicht sehen. Da ist nur noch Wasser, keine Landschaft und schon gar keine Straße mehr. Und ich bin sicher, mein Taxifahrer kann auch nichts erkennen. Aber er weiß es. Er ist vom Hotel gesandt, mich abzuholen und er kennt sicher den Weg sehr gut. Er fragt auch einmal, ob alles ok mit mir sei – ich sitze wohl ein bisschen anspannt an den Sitz geklammert. Ich zähle die Kilometer runter und vertraue darauf, Allah möge uns leiten und die letzten Kilometer bis zum Ziel Kandovan schnell vorübergehen lassen. Wie durch eine Wunder erreichen wir dann auch unversehrt das Ziel.

Die Busfahrt war lang, beim Umsteigen von Bus auf Taxi am Busbahnhof von Täbriz gießt es in einem Maße, wie ich es vielleicht noch nie erlebt habe. Eine halbe Minute im Freien reichen, um vollständig durchnässt zu werden. Während der Fahrt ins 50 Kilometer entfernte Kandovan ist es zunächst wieder fast trocken, bevor es den ganzen Abend erneut wie aus Eimer gießt. Am nächsten Tag erfahre ich, dass es nur 40 Kilometer westlich von Kandovan in der Nacht meiner Ankunft schlimmste Überschwemmungen mit 40 Toten gegeben hat.
Das ahne ich noch nicht, während ich mich in der ersten Nacht mit gefühlten 40 Grad im Zimmer herumplage. Die Fußbodenheizung in diesem schicken in die Felsen gebauten Hotel läuft auf Hochtouren, man kann nicht barfuß gehen, abstellen lässt sie sich angeblich nicht. Die Rezeption meint, ich solle das Fenster öffnen. In Energie- und Umweltfragen gibt es erstmal keine Bestnote.
Am nächsten Morgen beim ersten Gang durchs Dorf staune ich nicht schlecht. Ein faszinierender Ort. Als Behausungen dienen im oberen Teil des Dorfes die Tuffsteinformationen, die das Ergebnis vulkanischer Tätigkeit sind.

Unzählige spitze Felsen reihen sich auf der linken Talseite auf. Ihre Form ist zumeist durch Erosion entstanden, aber die Menschen, die hier wohl seit Jahrtausenden in den Felsen leben, haben diese auch geformt. Sie leben darin. Unterhalb der bewohnten Felsen, teilweise auch mit ihnen verwachsen, liegen quadratische Felssteinhäuser. Je weiter oben, umso weniger gerade Wände gibt und umso geschickter sind die Behausungen in die Felsen integriert.

Kurz denke ich, die Regisseure von manchen Science Fiction Film müssen hier gewesen sein. Sieht teilweise aus wie Star Wars.

Wenn man ein bisschen zwischen den oberen Häusern herumläuft, ahnt man, welch verschachtelte Gänge es zwischen den verschiedenen Eingängen geben muss. Auch Terrassen und Brücken haben die Bewohner angelegt, die von der Hauptstraße nicht einsehbar sind. Ideale Verstecke müssen das sein – und das waren sie auch immer wieder in der Vergangenheit. In kriegerischen Zeiten zogen sich die Menschen aus der umliegenden Region hierher zurück, wohl auch aus dem nahen Tabriz.

Ich wandle erst einmal durch die Gassen und merke schnell, dass hier noch das echte Leben herrscht, die meisten Bewohner kümmern sich nicht allzuviel um die Touristen. Das mag aber auch daran liegen, dass gerade nicht viele da sind. Jedenfalls leben die Menschen in den alten Häusern, ob Höhle oder nicht, und die sind unglaublich einfach eingerichtet.
Ich lerne über das Personal im Hotel Leute kennen und besuche sie kurz in ihren Häusern. Eine deutliche Zurückhaltung prägt die kurzen Besuche. Meist verfügen sie über genau einen Wohnraum plus Vorraum, in dem Schuhe und andere Dinge abgestellt werden. Der Wohnraum ist nämlich immer komplett mit Teppichen ausgelegt. Dieser eine Raum ist dann aber auch Küche, Ess-, Schlafzimmer und Wohnzimmer zugleich.
Die Menschen leben von Obstanbau, Ackerbau und der Schafzucht. Auch jetzt im April ziehen die Hirten jeden Tag mit Schafen das Tal hinauf und abends geht es zurück. Ich habe ein paar unschöne Begegnungen mit einem übereifrigen hbirtenhund, der es allerdings bei Trockenbissen belässt.

Talaufwärts gibt es nur noch Ruhe und Einsamkeit. Langsam wird die Landschaft verschneiter und man erblickt den Gipfel des Kuh-e Sahand Gebirges, ein inaktiver Schichtvulkan. Ich wähne mich am Ende der bewohnten Welt und so verkehrt ist das auch nicht. Ein Skigebiet gibt es da oben allerdings auch.

Genau wie weiter südlich in Yazd, wurde auch das Wasser aus diesem Gebirge durch Qanats in die nahe Großstadt Tabriz geleitet. Tabriz ist sogar ein Kandidat für die reale Vorlage für den Garten Eden.

In den Bergen

Appenzellerland

Oktober 28, 2016

Der Spätherbst zaubert die schönsten Farben in die Landschaft. Mache ich mich doch kurz entschlossen in die Berge auf. Nur drei Tage waren drin, allzu weit durfte es also nicht sein. Endlich mal nach Appenzell. Wie das schon klingt: Appenzell: Altmodisch, gleichzeitig ein magisches Wort irgendwie. Aber ein ganz realer Ort bzw. eine reale Region zwischen Bodensee und Hochalpen, auf der Landkarte nur ein kleiner Fleck. Ein sehr schöner Fleck, das war mir als seit Kindheit von Landkarten Fasziniertem immer klar. Diese Zwischenwelt, wo voralpines Hügelland in steile Kalkgipfel übergeht. Dazu seltsame und mythische Geschichten, die sich gerade um diesen Landstrich ranken. Der leckerste Käse, die schrulligsten Bauern, die ihren Frauen bis in die 1970er Jahre nicht die Fähigkeit zur klugen politischen Wahl zutrauten.

Vor dem richtigen Ankommen von Norden: Ein Grau-in-grau über dem Bodensee, diesiges Wetter, das so gar keine Laune macht. Schwer vorstellbar für den ortsunkundigen, dass oben eitel Sonnenschein ist. Dann schwenkt man auf die kurvigen Straßen vom Rheintal den Berg hinauf ein und irgendwann wird es heller und heller. Dann ahnt man es langsam: Wenn es noch weiter den Berg hinauf geht, durchbricht man die Wolkenschicht bald und dann wird es ein „Oh“-Erlebnis geben. So ist es dann auch und auf einmal ist nur noch gleißendes Sonnenlicht und blauer Himmel. Die Wolkendecke liegt unter einem. Auch von den höchsten Aussichtspunkten blickt man auf diese geschlossene Decke hinab. Das Erstaunliche: Auch das Hochtal um den Ort Appenzell liegt unter der Decke. Am spannendsten ist das Ganze da, wo man genau an der Grenze liegt. Mystisch wandert man in Dörfern wie Trogen durch die obersten schichten des Nebels.

Im bin dann im Laufe des Nachmittags immer wieder durch die Wolkenschicht gefahren, bergauf und bergab. Am Ende des Abends stand ich auf dem Balkon des Hotels Frohe Aussicht in Schwende, nahe dem Alpstein-Massivs. Nacht, Nebel, Stille, mystische Stimmung.

Am nächsten Tag bietet sich ein ganz anderes Bild: oben und unten alles ganz in Sonnenlicht getaucht. So besieht man die ganze Topographie vor Augen, auch Fond en Gipfeln wie dem Hohen Kasten, einem exponierten Gipfel am Rand des Rheintals.

 

So habe ich mal wider gesehen: Der Spätherbst bietet unerwartete und spektakuläre Wetterphänomene, die der spektakulären Berglandschaft noch mehr Reiz verleihen.

 

 

In den Bergen

Im Safiental

April 22, 2015

Hoch über dem Safiental liegen neben den einzigen zwei Siedlungen des Tals viele einzelne Bauernhöfe. Das Licht im Spätwinter ist magisch, die Tage werden bereits länger und ein stahlblauer Himmel dehnt sich über der von zwei Metern Schee bedeckten Landschaft. In Tenna, dem oberhalb des Talbodens liegenden Weiler, gibt es einen Skilift, der von Solarkraft angetrieben wird.

Nur ein einziges Hotel hat der Ort. Viele Menschen verirren sich nicht ins Safiental. Der Weg ins Tal ist, den Naturgegebenheiten geschuldet, ein wenig abenteuerlich. Auf zwei verschiedenen kurvenreichen Straßen, zu beiden Seiten die Rheinschlucht Ruinaulta umfahrend, kommt man aus dem Vorderrheintal nach Versam, ab da geht es Einbahnstraße ins Safiental. Es gibt sogar noch einen nicht geteerten Abschnitt.

Es ist, als wollte das Tal die Massen nicht unbedingt ansaugen. Vielen Leuten in der Schweiz kommt beim Namen Safiental als erstes das Wort Subventionen in den Sinn. Fest steht, die Infrastruktur in dem engen Bergtal kostet viel, der größte Wirtschaftszweig – die Landwirtschaft – ist ein Fördermittel-Empfänger. Was liegt in dieser Lage näher, als auf Bio zu setzen. Mit den Kampfpreisen konventioneller Landwirtschaft in der Ebene mithalten zu wollen, wäre aussichtslos. Tourismus im großen Stil würde hier erst einmal gewaltige Investitionen in die Infrastruktur voraussetzen und das Ergebnis wäre dann auch fragwürdig. Als Alternative zum derzeitigen Modell erscheint einzig die Aufgabe des Tals als Siedlungsraum, manche Pragmatiker fordert das ernsthaft. Klar – alle Orte auf der Welt stehen im Wettbewerb miteinander und jeder soll sich gefälligst auf seine Stärken besinnen, geographische oder andere Vorraussetzungen dürfen da keine Rolle spielen. Das dieses Prinzip überall auf der Welt gewachsenen Strukturen abschafft und am Ende niemand gewinnt, wird geflissentlich ignoriert. Es lebe das Dogma.

Doch zurück zum Safiental. Beim Blick durchs Tal auf gleißende Gipfel im Süden hat man eine noch ziemlich unverfälschte Bergwelt im Blick.

In den Bergen

Val Calanca

August 7, 2014

Befindet man sich nicht gerade in der Nähe des Steinbruchs von Arvigo, dann empfindet man das Calancatal vor allem als eines: still. Auf seiner Länge von 20 Kilometern leben knapp über 400 Menschen, sieht man einmal von den zwei Dörfern Santa Maria und Castaneda ab, die den Eingang zum Tal überragen und damit geografisch eigentlich noch im Bereich des Haupttals – des Misox (Val Mesolcina) – liegen.

Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein im Calancatal. Abgesehen von den Steinbrüchen gibt es kaum Geschäftstätigkeit, Landwirtschaft wird aber auch meist nur noch im Nebenerwerb betrieben, anders als um 1500 heraus, als hier 3.000 Menschen lebten. Die wiederum konnten die kargen Böden nicht ernähren, im Laufe der Jahrhunderte lam es immer wieder zu Auswanderungswellen. Das Tal hat irgendwie nichts, was es gewinnbringend zu Markte tragen kann, bis auf den Calancascer Granit. Die Hälfte der Häuser steht leer, die ehemaligen Bewohner wohnen aber zumeist im nahen Tessin und pflegen ihre Häuser an Wochenenden oder während der Ferien. meisten

und auch der Tourismus hat sich hier nie richtig entwickelt. Was für ein Glück, denkt man, wenn man den Weg entlang des Talflusses Calancasca wandert. Sehr abwechslungsreich ist das: mal fließt das Wasser zwischen abgeschliffenen Felsen von einer kleinen Gumpe zur nächsten, dann wieder gibt es ein Stück ebener Fläche. Das Material wurde von der Calancasa im Laufe der letzten Jahrhunderte angeschwemmt, nachdem im Jahr 1513 ein gewaltiger Bergsturz das Tal beim heutigen Cauco unter sich begrub und den Fluss zunächst stark aufstaute. Von den steilen Talflanken stürzt vielerorts Wasser hinunter, unbestrittener Star unter den Wasserfallen ist aber die Cascata del Frot, die weithin sichtbar  oberhalb von Audio, dem zweitobersten Dorf, liegt.

Das Hotel „La Cascata“ in Augio, das nach dem Wasserfall benannt ist, steht für eine besondere Auswanderungsgeschichte. Carlo Spandino, 1884 als Baumaler nach Paris ausgewandert, kehrte viele Jahre später heim. Jedoch nicht alleine – er brachte seine 16-jährige französische Ehefrau mit, der er hier im abgelegnen Bergtal ein adäquates neues Zuhause errichten ließ. So entstand der Palazzo, der heute Hotel ist – das Interieur wurde aufwendig zusammengetragen und füllte fünf Eisenbahnwaggons. Auch ein Spiegelsaal war inbegriffen.

 

 

In den Bergen

Hoher Atlas

April 15, 2013

Setti Fatma ist das letzte Dorf im Ourika-Tal. Die verschiedenen Ortsteile zwängen sich zwischen die steilen Hänge und den Fluss, der sich je nach Wasserstand seinen Weg durch das Schottertet sucht oder es eben ganz bedeckt. Dann steht in manchen Häusern das Wasser im Keller. Praktisch können deren Bewohner aber auch aus dem Haus heraus aufs Wasser ablegen.

Der Talboden zieht sich wie ein grünes Band durch die bereits im April vertrockneten Berge. Hinter Setti Fatma geht es nur noch zu Fuß weiter. Hier geht es dann nur in mehrtägigen hochalpinen Wanderungen über den Hauptkamm des Hohen Atlas, der im 4.167 Meter hohen Djebel Toubkal gipfelt.

Viele Dörfer verschmelzen fast mit der sie umgebenen rotbraunen Erde und den Felsen, so auch auf dem Weg vom Ourika-Tal nach Oukkaimeden, wo man auch Wintersport betreibt.

Auf der Südseite des Atlas ist die Landschaft noch trockener, die Felsformationen lassen an den Wilden Westen denken, nur dass es hier noch die schönen Dörfer aus einfachen Lehmbauten gibt. Der Lauf des Dades sorgt aber auch in dieser Trockenheit für ein grüner Flussbett mit gartenartigen Feldern. Weiter oben im Tal windet sich der Dades zwischen den Bergformationen und hat über die Jahre bizarre Felsformationen in die Landschaft gegraben.