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Genuss-Orte

Viñales: Vielfalt aus roter Erde

Juli 15, 2017

In Viñales gibt es sie noch mehr als sonst in Cuba: Bäuerliche Kleinbetriebe. Das Who-is-who der tropischen Früchte wird hier nebeneinander auf kleinstem Raum angebaut. Da lohnt es sehr, sich mal genauer umzuschauen und sich von netten Campesinos Erklärungen und Kostproben einzuholen.

Aha, El Triste heißt er also, dieser nette Typ, der mich hier über seine Farm führt.
Ein kleines Schild an der Straße hat mich neugierig gemacht und so bin ich mit meinem Mietfahrrad auf die rote Sandpiste abgebogen, die schnurstracks in Richtung Felswand von einem der Morcotes von Viñales führt. Nach geschätzten 500 Metern führt die Piste auf ein Farmgelände, ohne dass es eine klare Grundstücksgrenze gibt. Im Schatten steht ziemlich entspannt ein Campesino. Er grüßt und bedeutet mir: Komm her, ich zeig dir mal was.

„El Triste – das ist doch nicht dein wirklicher Name, ein Spitzname.“ – „Ja, in Wirklichkeit heiße ich Rodovaldo“ –„Also: Eres triste?“ („bist du traurig?“)
Es folgt eine ruhig und langsam ausgeführte ausladende Bewegung mit den Armen, die nur bedeuten kann: Ja klar, Mann, merkt man das nicht? „Warum?“ – „Ah, das Leben generell, Sorgen um die Ernte, die Preise…“
Mehr als zwei Stunden hat mir El Triste beziehungsweise Rodovaldo erklärt und vorgestellt, was auf seiner kleinen Farm alles angebaut wird. Und das ist eine ganze Menge. Da sind zunächst die Avocados, die gerade am Baum wachsen. Geerntet werden sie im Hochsommer. Sie machen einen großen Teil des Areals aus. Während der gesamten Zeit des Herumführens hat er eine dicke Zigarre im Mund – mir hatte er auch eine angeboten, aber ich belasse es lieber bei einer pro Tag und die Zeit dazu ist abends nach jeder anstrengenden körperlichen Aktivität wie Fahrradfahren.

Zahlreich vertreten sind auch Papaya-Bäume, aber halt: Die heißen hier Fruta bomba, klingt doch gleich viel schärfer. Die Bäume der bombigen Frucht stehen gar in Reih und Glied, wie sonst kaum etwas sonst hier. Zwischen den dünnen Bäumchen laufen Katzen, Hunde und Schweine herum.
In 2 bis 3 Metern Höhe hängen viele dicke Früchte, die allermeisten noch völlig grün, dazwischen wie zum Kontrast ab und an eine prall-orangene. Die Ernte ist im Hochsommer, es gibt aber scheinbar einige frühreife Exemplare.

Eine von denen holt mir El Triste vom Baum, schneidet sie mit seinem riesigen Messer, das er nie ablegt, auf und gibt mir ein Achtel davon zum Probieren. Schmeckt köstlich. Mir ist irgendwie klar, das ich so bald keine im deutschen Supermarkt gekaufte Papaya mehr essen werde können.

Das Problem: Wie man beim Wein verkosten lernt, bewegt man sich langsam in Richtung der intensiver schmeckenden Tropfen, das wäre auch hier das Beste. Doch vor der Fruta bomba gab mir El Triste schon einen Teil einer Mamey zu essen. Die ist ähnlich groß wie eine Papaya. Aber gegen die Mamey ist die Papaya geschmacksarm, denn die Mamey ist das Filetstückchen unter den ganzen Früchten. Sie ist unglaublich saftig, aber nicht wässrig, vollmundig-süß. Schwer zu glauben, dass man sie in Europa noch nicht im großen Rahmen nachfragt.

Ganze vier Hektar groß ist das Anwesen von Rodovaldo und seinem Bruder Rigelio.
Natürlich wachsen hier die üblichen Verdächtigen unter den kubanischen Kulturpflanzen: Palmen, Kaffee, Bananen, Tabak. Dazu bestimmte Zitronensorten und auch eine Sorte Kohl – Calabasa – ist vertreten.
In einem großen Schuppen, dessen Außenhaut aus getrockneten Palmblättern besteht, trocknen Tabakblätter vor sich hin.

Die zwei Brüder – Rigelio ist mittlerweile hinzugekommen – beklagen, dass für sie als Campesinos die rasante touristische Entwicklung in Viñales nicht sehr positiv verläuft. Die Besitzer der Casa Particulares im Ort, und das sind mittlerweile Tausende, verdienen sich seit ein paar Jahren dumm und dämlich und zerstören so die Preise in der Region. Sie, die Bauern, verdienen nicht mehr als zuvor und geraten so immer mehr ins Hintertreffen.
Ja ja, das Paradies: Wehe, wenn es von zu vielen entdeckt wird…

Und das Paradies ist auch noch fragil. Es war im Jahr 2008, als Hurricane Ike ganz Cuba verwüstete. Die Felder von Rodovaldo und Rigelio wurden dabei genau wie das ganze Tal von Viñales komplett überflutet. Ich sehe mich um, betrachte all die Üppigkeit dieser fruchtbaren Landschaft und kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie ihr alles unter Wassermassen steht und danach entsprechend verwüstet ist. Dass die Bauern, wenn sie derart getroffen werden, danach einfach alles wieder aufbauen und einfach weitermachen: Respekt! An Wirbelstürme gewöhnt sind sie ja in Cuba, doch Ike 2008 war nach Berichten der schlimmste Hurricane, der das Land je traf. Und mittlerweile gab es weitere dieser Art. Besonders schlimm betroffen ist zum Glück nicht immer das gesamte Land, so war Viñales bis dato nicht erneut schlimm betroffen. Leider muss man wohl erwarten, dass der Klimawandel zukünftig häufiger solche Extremereignisse befördert. Wie die Campesinos damit dann zurechtkommen: Ich mag es mir gerade nicht ausmalen. Besonders ungerecht kommt mir auch an dieser Sättel vor: Die Bauern in einem Land wie Cuba leben sehr einfach. Auto fahren sie kaum, es gibt höchstens mal Hühnchenfleisch, ansonsten Gemüse. Die zwei Brüder hier leben mit nur wenigen Stunden Strom am tag. Sie haben den Klimawandel so ganz und gar nicht zu verantworten. Sie aber leiden darunter.

Ich kaufe mehrere Mamey, gebe die Menge Geld, die ich selbst für die kleine Führung für angemessen halte und verspreche, Fotos zu schicken, wie es andere „Amigos“ aus den Touristen-Herkunftsländern auch schon getan haben. Alles Gute euch beiden hier auf der Farm!

Genuss-Orte

Ziegen auf dem Sonnendeck – Bio-Ziegenkäse aus der Provence

Juli 10, 2017

Claudette und Mathilde halten den ganzen Treck auf. Sie sind aufgeregt. Das liegt in diesem Fall an mir. Als Besucher und Fotograf bin ich nun mal ein Fremdkörper und bringe ihre Alltagsroutine etwas durcheinander. Im Gegensatz zu den anderen in der Gruppe möchten die beiden Damen den Fremden etwas genauer inspizieren und gehen den alltäglichen Weg nicht ohne weiteres. Doch eigentlich läuft ja alles wie immer: Es ist 18:30 und zum zweiten Mal heute geht es hinaus ins Freie.

Bergwiesen mit gesundem Wildwuchs warten auf Claudette, Mathilde und die anderen Ziegen. Was da alles wächst, schmeckt nicht nur, es ist zum Teil auch beste Naturmedizin. Viele Kräuter gedeihen hier auf 900 bis 1.100 Metern Höhe über dem Vallée du Jabron in der Provence, wo keine Pestizide und auch keine anderen Nutzungen dem Wildwuchs etwas anhaben können.
Mit seinem Hund führt Remy seine 33 Damen hinaus in die Natur, nur die ersten Meter muss er sie begleiten – weiter oben finden sie schon alle ihr Naturfutter und den weg zurück finden sie ohnehin.

Am Morgen hat Remy Gorge sie bereits auf die Alm gelassen, um 8 Uhr. Wenn es ihnen dann zu heiß wird, was im Juli in der Bergen der Provence unweigerlich passiert, kommen sie von selbst zurück zum Stall. Meist passiert das gegen 11 Uhr. Abends treten sie den Heimweg zum Stall an, wenn es dunkel wird. Sicher kommen sie auch gerne zurück, schließlich geht es ihnen gut auf dem Hof von Remy. Gemolken wird zwar in beengter Atmosphäre, aber ansonsten führen die Tiere ein angenehmes Leben.

Der 57jährige betreibt die Ziegenzucht ganz nach biologischen Prinzipien. Dazu zählt nicht nur, dass die Tiere einen guten Teil ihres Lebens im Freien verbringen, sie bekommen auch natürliches Futter, das in der Region wächst.

Das schmeckt man dem Käse, den Remy aus der Ziegenmilch auf dem Hof herstellt, wiederum an.

Jeden Samstag fährt Remy in aller Früh nach Aix-en-Provence, um den Käse auf dem Markt zu verkaufen. Im Tal des Jabron gibt es zu viele Käsereien und zu wenige Abnehmer, als dass alle Bauern ihren Ziegenkäse hier vermarkten könnten. Nubichon nennt er sein Produkt. Ein selbst kreierter Eigenname, angelehnt an die Herkunft von zwei seiner drei Böcke, die von einer nordafrikanischer Ziegenrasse abstammen.
Die Böcke bleiben übrigens drinnen, während die weiblichen Ziegen auf Tour sind – das wäre dann doch etwas zuviel Aufregung durch eine freies Aufeinandertreffen der Geschlechter und Free love wäre wohl nicht im Sinnen des Ziegenzüchters. Die drei Jungs haben aber auch im Stall eine Menge Spaß.

Auch die kranken und die ganz jungen Tiere werden nicht dem Treiben in der Natur ausgesetzt. Vor dem Ausgang morgens und abends werden die weiblichen Tiere gemolken und bekommen Kraftfutter – aus eigener Herstellung. Remy beschreibt sich als 4 Personen in einem: Er ist Ziegenwirt, Ziegenkäse-Hersteller und Vermarkter seiner eigenen Produkte. Und er baut das Heu für die Fütterung selbst an. Dass es sich um Gentechnik- und Antibiotika-freies Futter handelt, ist schließlich ein wichtiges Kriterium für die Bio-Qualität.

Insgesamt kann er gut leben von seinem Hof mit den Ziegen, er ist nicht zwingend auf Subventionen angewiesen, was für ihn Sicherheit und Unabhängigkeit bedeutet.

Natürlich ist das Leben als kleiner Bio-Landwirt kein leichtes. Die Ziegen wie das Geschäft kennen eben weder Wochenende noch Urlaub. Von Januar bis Oktober ist für Remy ein Tag wie der andere. Nur im Winter von November bis Januar, wenn die Ziegen trächtig sind, hat er wenig zu tun. Dann macht er ausgiebig Urlaub.

Er hat sich vor 37 Jahren ganz bewusst für diesen Weg entschieden. In Paris war ihm ein Platz in der Eisenbahngesellschaft sicher, aber das tägliche Einerlei zwischen Büro und städtischer Tristesse wollte er sich nicht antun. So zog er hierher, um einer Berufung nachzugehen. Sich eins fühlen mit dem was er tut, keinem Chef gehorchen. Die einzigen, die sein Handeln bestimmen, sind die Natur und seine Ziegen.

In den Bergen

Am Mount Snowdon in Wales

Juli 7, 2017

Er ist der höchste Berg der Britischen Inseln außerhalb der Schottischen Hochlande und der König von Wales: Mount Snowdon. Auch wenn seine Höhe mit 1.085 Metern bescheiden klingt, verlangt er einem einiges an Kondition ab. Doch die Mühen lohnen. Bilderbuch-Landschaft in tausend Grüntönen und eine atemberaubende Aussicht.

Ich war immer gut in Geographie und ohne dass ich das will, schwirren mir immer noch die Gipfelhöhen deutscher Mittelgebirge im Kopf wie Ohrwürmer von Radio-Werbeslogans: Sind halt drin, gehen nicht mehr raus. Beim Betrachten der höchsten Berge Britanniens auf der Karte dachte ich daher immer: Oje, richtige Berge gibt’s ja dort nicht. Irrtum! Die Meereshöhen liegen zwar im Bereich von Fichtelgebirge, Rhön oder bestenfalls Bayerischem Wald. Was man dabei jedoch bedenken muss: Unten, am Fuß der Berge ist meistens Null. Meereshöhe, es geht also die gesamte Höhe in einem Rutsch hinauf. Je näher man dabei der Westküste kommt, ob in Schottland oder Wales, umso schroffer greifen Meer und Land ineinander und umso malerischer wird die Landschaft.

Und – umso mehr regnet es. Eine Wanderung von geschätzt 7 Stunden (bei bumsfideler körperlicher Verfassung – für uns wird es also eher länger dauern) möchte man nicht unbedingt angehen, wenn es regnet, stürmt oder neblig ist, zumal der Berg mit seiner Aussicht dann knausert. Also abwarten mit der Wanderung auf den Mount Snowdon bis zu einem Schönwettertag. Und an unserem letzten Tag in der Region war der da: Sonne pur, das glatte Gegenteil der letzten Tage.
Auf dem Weg zum Mount Snowdon locken leider erst einmal viele idyllische Plätze zum Haltmachen und kurz aussteigen. Das Tal des Afon Glaslyn verzaubert mit Lichteinfall in dunkle Miniaturschlucht, auch wenn sich durch die Schluechtd er Verkehr quetscht. Der tut das aber ganz gemächlich, der Verkehr. Die Straßen sind so eng, bei nur minimalem Abweichen eines Autos von der Idealroute wäre unweigerlich Blechschaden zu beklagen. Das Dörfchen Beddgelert (ja, der Diminutiv muss sein) liegt sehr hübsch an einer steinernen Brücke und ist einen Zwischenhalt wert.

Wie der Llyn Gwynant, ein kleiner See auf der Südseite von Mount Snowdon sein Blau zwischen die vielen Grüntöne der Landschaft funkelt, muss von einem Aussichtspunkt oberhalb des Sees gewürdigt werden.

Etwas weiter oberhalb liegt dann der Parkplatz Pen-y-Pass, von wo aus wir starten. Der Weg von hier hat zwar die geringste Höhendifferenz zum Gipfel, aber der am leichtesten zu gehende ist er nicht, hier und da muss man die Hände zur Hilfe nehmen. Ehre gerettet!

Halb Britannien scheint unterwegs zu sein, dass es bei den seltenen Sonnentagen hier nicht gerade einsam zugehen würde, war klar. Was mich begeistert: Ganzen Großfamilie wandern den Berg hinauf. Man scheint die Besteigung eines der drei höchsten Berge des United Kingdom sehr ernstzunehmen. Die wenigsten werden aber wohl die National Three Peak Challenge absolvieren. Dabei geht es darum, die höchsten berge Schottlands, Englands und Wales‘ innerhalb von 24 Stunden zu besteigen, mit motorisiertem Transfer natürlich. Die Gruppen, die hier eine normale Tageswanderung hinlegen und dabei zwischen Flipflops und Stiefeletten bis zu perfekter Outdoorausrüstung verschiedenstes aufbieten, haben so ziemlich alles zu bieten: Hunde, Kleinstkinder, auch Urgroßmutter kommt mit.

Die Aussicht ist großartig, schon auf einem Viertel des Weges, die vielen kleinen Seen in den Tälern ringsum. Wir haben einen Tag mit perfekt klarem Wetter erwischt. Etwas unterhalb des Gipfels berichten uns redselige entgegen kommende Wanderer (haha, beim Abstiegt kann ich das auch!) davon, dass sie vor einer Stunde auf dem Gipfel das großartige Schauspiel geboten bekamen: Der leichte Nebel, der gerade noch da war, verzog sich gerade. „Was für ein Augenblick.“ Ja, ja, der ist uns wegen der schönen Landschaft auf dem Weg erspart geblieben. Nunja, ist auch so toll.

Im warmen Nachmittagslicht oberhalb der subalpinen Landschaft geht es wieder bergab. Und zwei Stunden bevor es dunkel wird, laufen uns ein paar Supersportler entgegen, den Berg hinauf. Wollen wohl noch eben einen Berglauf absolvieren, oder sind sie spät dran bei ihrer National Three Peaks Challenge?

Stadtlust

Wüstenstadt Yazd und ein Heiligtum im Nirgendwo

Juni 1, 2017

Yazd liegt ziemlich genau in der Mitte des Iran und ist eine der sehenswertesten Städte des Landes. Die landschaftlichen Dimensionen sind andere als in Europa. Drumherum ewig weite Wüste und ein paar hohe Berge. Die Stadt aber hat eine angenehme Größe, es geht hier alles ganz entspannt zu.

Wenn man von Isfahan kommt und denkt, Yazd liegt ja fast genauso hoch, wird schon nicht zu hot werden: Pustekuchen – hier herrscht Wüstenklima! Das ist abends richtig angenehm, ich liebe es, abends bei Temperaturen jenseits 20 Grad durch die Straßen zu schlendern. Optimaler Tagesausklang in einer solchen Stadt findet in einem der zahlreichen Restaurants mit Dachterrasse statt. Es ist ja immer nur ein Stockwerk zu erklimmen. Da sitzt man dann auf einer der Pritschen mit ausgelegten Teppichen und speist im Scheidersitz vom Tablett neben sich.

Tagsüber Ende April: Große Hitze.

Ich schaffe es daher tatsächlich, früh aufzustehen und vor dem Frühstück schon einmal die Umgebung zu erkunden. Um 8 Uhr gehe ich durch die stillen engen Gassen der Altstadt und genieße, wie die Morgensonne harte Schatten hinein wirft.

Die Häuser sind einstöckig und aus Lehm gebaut. Der erste Eindruck, es handelt sich um eine vorsintflutliche Bauweise, täuscht allerdings gewaltig. Nur nach außen sind die Häuser einfach. Hier und da, wo sich eine Tür öffnet, sieht man, dass sich im Innern einiges an moderner Technik verbirgt. Schon, wenn jemand vor einer Tür steht und selbige öffnet sich scheinbar elektrisch, wird das deutlich.

Charakteristisch für Yazd und faszinierende Zeugen der klimatischen Extremlage sind die Windtürme. Zig solcher Konstruktionen recken ihre von Nischen geprägten Hälse gen Himmel und geben ein hübsches Wüsten-Manhatten-Bild ab. Bevor die technische Moderne mit ihren Kühlmethoden einzog, fing man mit diesen Türmen den Wind ein, um ihn zur Kühlung der Häuser und der um Untergrund liegenden Wasserreservoirs zu nutzen. Was für eine schöne Vorstellung: Den Wind einfangen…

Das Wasser in der Tiefe ist dann auch eine weitere technische Errungenschaft früherer Zeiten, die uns Heute-Menschen Achtung abverlangt. Yazd liegt auf etwa 1.200 Meter Höhe, das nahe Shirkuh-Gebirge bringt es auf über 4.000 Meter. Auch Ende April liegen da oben noch Reste von Schnee. In antiker Zeit baute man Kanäle von den Bergen in die Stadt, die sogenannten Qanats. Oft verlaufen die über 50 oder mehr Kilometer, stets leicht abschüssig. Man sieht ihren Verlauf anhand aufgeworfener Erdwälle in der Wüstenlandschaft rund um die Stadt. Auch aus östlicher Himmelsrichtung, in der nur trockene mittelhohe Berge liegen, führen Qanats nach Yazd. Dazu muss man wissen, dass es zu antiker Zeit viel weniger trocken hier war. Laut Gründungslegende der Stadt wurde sie an einem großen See angelegt – wo der mal war, ist nicht mehr zu erahnen.

An einigen Stellen kann man zu den Qanats heruntergehen, dorthin, wo die Menschen früher ihr Wasser aus der Tiefe holten. Das sind dann gut und gerne mal 300 Stufen. Steile Stufen! Lange bleibe ich da unten nicht – es wimmelt von stechenden Viechern.

Die architektonisch auffallendste und wohl auch bedeutendste Moschee ist die Jame-Moschee mit zwei sehr hohen und grazilen Minaretten. Ihr Portal ist das höchste aller Moscheen im Land. Im Innenhof, vor allem auf der Südseite des Innenhofs kann man gut im Schatten relaxen.

Die dominierende Kuppel gleich in der Nachbarschaft gehört zu keiner Moschee, sondern dem Mausoleum von Rokn ob-Din, der im 14. Jahrhundert die Jame Moschee und andere Bauten beauftragte.

An der Nordseite des Innenhofs geht es zu einem der tiefen Qanats hinunter.

Logisch, verfügt Yazd auch über ein Wassermuseum. Das stellt sehr anschaulich die antike Ingenieurkunst und ihre Wiederentdeckung in den letzten Jahrzehnten dar, man kann auch zu einem scheinbaren Qanat herabsteigen.

Chak Chak – Das klingt schon so schön

Von Yazd fährt man etwa eine Stunde nach zum Zoroastrischen Heiligtum Chak Chak. Über den größten Teil der Strecke gibt es nichts. Bergketten am Horizont machen sich aus wie eine Fata Morgana. Mein Fahrer muss wahrscheinlich 150 auf der Landstraße fahren, sonst würden wir wahnsinnig werden, da die Berge nie näherkommen.

Eine Autopanne wäre unangenehm. Chak Chak liegt versteckt an einem Talschluss, unterhalb einer steilen hohen Felswand. Die Lage passt perfekt zur Legende um das Heiligtum.
Dazu sei etwas weiter ausgeholt: Yazdegerd III war der letzte Herrscher (Großkönig) Irans in präislamischer Zeit. Er gehörte dem Zoroastrischen Glauben an. Als 640 die Araber einfielen, flüchtete seine gesamte Familie, strategisch klug in verschiedene Himmelsrichtungen. So konnten die Verfolger vielleicht mancher habhaft werden, aber eben nicht aller. Eine Tochter des Königs, Nikbanou, floh in die Wüste. Die arabischen Häscher schon auf den Fersen, ging sie in ein Felstal in die Falle, dessen Flanken unüberwindbar waren. Dass man die Felsen um Chak Cha nicht hinauskommt und somit in der falle sitzt, kann hier jeder Besucher bestätigen.

In ihrer ausweglosen Lage bat sie Aura Mazda, den Gott der Zoroastrier, um Hilfe. Und siehe da: Der Berg öffnete sich und Nikbanou konnte hineinschlüpfen. Ob auch hindurch oder ob sie ab dann im Felsen festsaß, da bleibt die Legende im Unkonkreten. Jedenfalls steigt man einige hundert Stufen zum Heiligtum hinauf und trifft oben unter einem Felsvorsprung auf einige Schüsseln. Darin werden die Tränen von Nikbanou aufgefangen – wahrscheinlich sitzt sie also tatsächlich im Felsen fest, mit dem Lebenszeichen funktionierender Drüsen. Ein großer, weit verzweigter Baum neben dem Heiligtum ist übrigens ein Stock, den die Unglückliche hier stehen ließ.

Stadtlust

Isfahan – Oasen-Großstadt im zentralen Hochland des Iran

Mai 11, 2017

Ein „Spiegel des Paradieses“ sollte Isfahan sein. Ganz und gar nicht bescheiden planten die Safawiden die Stadt, die Persien von 1501 bis 1722 beherrschten und Isfahan zur Hauptstadt machten. Prachtvolle Gebäude wurden errichtet, Gärten angelegt und die klügsten Leute von weit und bereit angelockt. Vieles vom beeindruckenden Ergebnis kann man heute noch besichtigen.

So riesig wirkt er eigentlich gar nicht, der Meidan-e-Imam, denke ich bei mir, auf dem Balkon des Ali Qapu-Palasts stehend. Doch der Imam-Platz ist der zweitgrößte städtische Platz der Welt, nur getoppt vom Tien’anmen Platz in Peking. Dass man ihm das nicht ansieht, liegt wohl an der aufgelockerten Struktur des Platzes. Rund um das zentrale Wasserbecken, in dem viele Menschen ein Teilkörperbad nehmen, liegen symmetrisch angeordnete Rasenflächen, Hecken, einzelne Zierbäume. Den gesamten platz kann man wunderbar vom Balkon des Palasts – der „Hohen Pforte“ überblicken.

Die Dimension des Platzes überblickend, will ich eigentlich gar nicht weg und könnte mich ohne weiteres den ganzen Tag hier aufhalten. Der Palast ist aber auch im Innern sehenswert. Allein das Musikzimmer ist mit seinen zierenden Wandeinlassungen, die den Klang der musikalischen Darbietungen verbessern halfen, einBeispiel für orientalische Pracht.

Abends verwandelt sich der gesamte Meidan-e-Imam in eine riesige Picknick-Fläche. Familien nehmen die Rasenflächen wir selbstverständlich ein und sitzen, essen und trinken bis spät in die Nacht hinein. Die Nacht hat dabei auch im Mai bereits angenehme Temperaturen. Überall erklingt Musik – unterschiedlichster Richtung, machmal durchaus ganz westlich-moderne Klänge. Doch die Moscheen, Arkadengänge auf allen Seiten sowie der Ali Qapu-Palast sind derart effektvoll angestrahlt, sodass das Märchen aus 1001 Nacht im Prinzip in jeder Nacht greifbar ist.


Der Imam-Platz bildet das Zentrum von Isfahan, um den Platz herum stehen die wichtigsten Bauwerke. Die Imam-Moschee liegt am südwestlichen Ende, damit die Gläubigen exakt Richtung Mekka beten können, ist der Innenraum geschickt gekrümmt angelegt.

Zunächst muss man aber auch als Gläubiger den Weg durch den Innenhof antreten. Einige Touristen stehen hier und staunen. Dann falle ich aber selbst vom Glauben ab: Im Innenhof der Moschee, direkt vor dem Gebetsraum ertönt laut aus einem Ghettoblaster: „No no, no no no no, no no there’s no limit!“ Für Aufruhr sorgt das hier nicht gerade.

Gegenüber des Platzes vom Palast Ali Qapu aus gesehen, liegt die Lotfullah-Moschee mit beigefarbenem Kuppelbau…

Am Nordende des Imam-Platzes beginnt der große Basar, der wie alle Bauten am Platz, von Schah Abbas zu Beginn des 16. Jahrhunderts geplant wurde. Wer die wuselige Atmosphäre in arabischen Barasen kennt, wird hier verwundert sein ob des relativ geordneten und überschaubaren Areals.

In den Bergen

Felsendorf Kandovan

April 20, 2017
Kandovan im Norden des Iran

Im Nordwesten des Iran, in der Provinz Ost-Aserbeidschan, liegt Kandovan. Am Ende eines Tals ist das Dorf in die Tuffstein-Formationen des Kuh-e Sahand Gebirges hineingebaut. Archaisch und gleichzeitig von hoher Baukultur zeugend – ein wunderschöner Ort in einsamer Landschaft.

Wir fahren gerade durchs einen See, mit Tempo 100. Das Problem: Der See befindet sich auf der Straße. Wenn wir von derselben abkommen, prallen wir gegen irgendwas Felsiges oder rauschen den Berghang hinab. Was sich seitlich der Straße genau befindet und wie breit sie ist, kann ich nicht sehen. Da ist nur noch Wasser, keine Landschaft und schon gar keine Straße mehr. Und ich bin sicher, mein Taxifahrer kann auch nichts erkennen. Aber er weiß es. Er ist vom Hotel gesandt, mich abzuholen und er kennt sicher den Weg sehr gut. Er fragt auch einmal, ob alles ok mit mir sei – ich sitze wohl ein bisschen anspannt an den Sitz geklammert. Ich zähle die Kilometer runter und vertraue darauf, Allah möge uns leiten und die letzten Kilometer bis zum Ziel Kandovan schnell vorübergehen lassen. Wie durch eine Wunder erreichen wir dann auch unversehrt das Ziel.

Die Busfahrt war lang, beim Umsteigen von Bus auf Taxi am Busbahnhof von Täbriz gießt es in einem Maße, wie ich es vielleicht noch nie erlebt habe. Eine halbe Minute im Freien reichen, um vollständig durchnässt zu werden. Während der Fahrt ins 50 Kilometer entfernte Kandovan ist es zunächst wieder fast trocken, bevor es den ganzen Abend erneut wie aus Eimer gießt. Am nächsten Tag erfahre ich, dass es nur 40 Kilometer westlich von Kandovan in der Nacht meiner Ankunft schlimmste Überschwemmungen mit 40 Toten gegeben hat.
Das ahne ich noch nicht, während ich mich in der ersten Nacht mit gefühlten 40 Grad im Zimmer herumplage. Die Fußbodenheizung in diesem schicken in die Felsen gebauten Hotel läuft auf Hochtouren, man kann nicht barfuß gehen, abstellen lässt sie sich angeblich nicht. Die Rezeption meint, ich solle das Fenster öffnen. In Energie- und Umweltfragen gibt es erstmal keine Bestnote.
Am nächsten Morgen beim ersten Gang durchs Dorf staune ich nicht schlecht. Ein faszinierender Ort. Als Behausungen dienen im oberen Teil des Dorfes die Tuffsteinformationen, die das Ergebnis vulkanischer Tätigkeit sind.

Unzählige spitze Felsen reihen sich auf der linken Talseite auf. Ihre Form ist zumeist durch Erosion entstanden, aber die Menschen, die hier wohl seit Jahrtausenden in den Felsen leben, haben diese auch geformt. Sie leben darin. Unterhalb der bewohnten Felsen, teilweise auch mit ihnen verwachsen, liegen quadratische Felssteinhäuser. Je weiter oben, umso weniger gerade Wände gibt und umso geschickter sind die Behausungen in die Felsen integriert.

Kurz denke ich, die Regisseure von manchen Science Fiction Film müssen hier gewesen sein. Sieht teilweise aus wie Star Wars.

Wenn man ein bisschen zwischen den oberen Häusern herumläuft, ahnt man, welch verschachtelte Gänge es zwischen den verschiedenen Eingängen geben muss. Auch Terrassen und Brücken haben die Bewohner angelegt, die von der Hauptstraße nicht einsehbar sind. Ideale Verstecke müssen das sein – und das waren sie auch immer wieder in der Vergangenheit. In kriegerischen Zeiten zogen sich die Menschen aus der umliegenden Region hierher zurück, wohl auch aus dem nahen Tabriz.

Ich wandle erst einmal durch die Gassen und merke schnell, dass hier noch das echte Leben herrscht, die meisten Bewohner kümmern sich nicht allzuviel um die Touristen. Das mag aber auch daran liegen, dass gerade nicht viele da sind. Jedenfalls leben die Menschen in den alten Häusern, ob Höhle oder nicht, und die sind unglaublich einfach eingerichtet.
Ich lerne über das Personal im Hotel Leute kennen und besuche sie kurz in ihren Häusern. Eine deutliche Zurückhaltung prägt die kurzen Besuche. Meist verfügen sie über genau einen Wohnraum plus Vorraum, in dem Schuhe und andere Dinge abgestellt werden. Der Wohnraum ist nämlich immer komplett mit Teppichen ausgelegt. Dieser eine Raum ist dann aber auch Küche, Ess-, Schlafzimmer und Wohnzimmer zugleich.
Die Menschen leben von Obstanbau, Ackerbau und der Schafzucht. Auch jetzt im April ziehen die Hirten jeden Tag mit Schafen das Tal hinauf und abends geht es zurück. Ich habe ein paar unschöne Begegnungen mit einem übereifrigen hbirtenhund, der es allerdings bei Trockenbissen belässt.

Talaufwärts gibt es nur noch Ruhe und Einsamkeit. Langsam wird die Landschaft verschneiter und man erblickt den Gipfel des Kuh-e Sahand Gebirges, ein inaktiver Schichtvulkan. Ich wähne mich am Ende der bewohnten Welt und so verkehrt ist das auch nicht. Ein Skigebiet gibt es da oben allerdings auch.

Genau wie weiter südlich in Yazd, wurde auch das Wasser aus diesem Gebirge durch Qanats in die nahe Großstadt Tabriz geleitet. Tabriz ist sogar ein Kandidat für die reale Vorlage für den Garten Eden.

Genuss-Orte

Lavaux – Die Weinberge am Genfer See

November 3, 2016

Schwer, in dieser Landschaft nicht ins Schwärmen zu geraten. Man wandelt zwischen Weinbergen und blickt über den größten See Mitteleuropas hinüber zu den Savoyer Alpen. Eine spektakuläre Topographie liegt vor einem: Der Kontrast zwischen ebener Wasserfläche und himmelhohen Bergen.

Blick über den Genfer See auf die Walliser Alpen

Da sitze ich bei traumhaftem Spätherbst-Wetter in der Auberge du Vigneron in Epesses und denke: ‚Arkadien gibt’s wirklich‘. Das Leben erscheint gerade unheimlich leicht, die Sonne wärmt, die Landschaft wabert in warmen Herbsttönen. Und dann plötzlich: Hart arbeitende Menschen im Schweiße ihres Angesichts gleich neben mir: Unterhalb der Café-Terrasse ein steile Weinlage. Die Leute nutzen das schöne Wetter zur Weinlese – am nächsten Tag soll es wieder regnen. Dass sie die Trauben in mühsamer Handarbeit ernten, verleiht dem Bild etwas Bukolisches. Das Gelände ist steil, Maschinen kaum einsetzbar, die Flächen der Weingüter sind extrem klein. Nur die Plastikeimer auf dem Rücken rauben das Gefühl, in ein vorvergangenes Jahrhundert enteilt zu sein. Mit den Eimern als Rucksack geht es den steilen Hang hinauf und man sieht es in den Gesichtern, wie hart das in der brennenden Oktobersonne ist.

Blick über den Genfer See auf die Walliser Alpen

Blick über den Genfer See auf die Walliser Alpen

Viele Weingüter greifen heutzutage allerdings zu modernen technischen Mitteln. Dort wo der gesamte Weinberg steil ist und die Kapazitäten größer, fliegen Helikopter große mit Trauben gefüllte Tonnen aus dem Weinberg zur nächsten Straße. Nicht ganz so romantisch, aber sicher der einfacherer Weg. Die Winzer erzählen davon, dass in früheren Zeiten Studenten und Auszubildende aus anderen Teilen der Schweiz zur Weinlese kamen. Verschiedene Gründe haben diese Hilfe abebben lassen. Studenten beispielsweise beginnen heute ihr Semester Mitte September, nicht wie früher Mitte Oktober, womit sie für die Zeit der Weinlese ausfallen.

Blick über den Genfer See auf die Walliser Alpen

Die Trauben finden ihren Weg in die Weine von Yvan Duboux, die man auch gleich vor Ort kaufen kann. In dem kleinen Ort mit engen Gassen wirkt alles miteinander verbunden. Wenn ein paar Reisebusse weniger da wären und man ganz unbeschwert zwischen den Rebstöcken hin- und herschweifen könnte, wäre das hier das richtige Paradies. Aber dafür ist der Quadratmeter Boden hier wohl einfach zu wertvoll…

Blick über den Genfer See auf die Walliser Alpen

In den Bergen

Appenzellerland

Oktober 28, 2016

Der Spätherbst zaubert die schönsten Farben in die Landschaft. Mache ich mich doch kurz entschlossen in die Berge auf. Nur drei Tage waren drin, allzu weit durfte es also nicht sein. Endlich mal nach Appenzell. Wie das schon klingt: Appenzell: Altmodisch, gleichzeitig ein magisches Wort irgendwie. Aber ein ganz realer Ort bzw. eine reale Region zwischen Bodensee und Hochalpen, auf der Landkarte nur ein kleiner Fleck. Ein sehr schöner Fleck, das war mir als seit Kindheit von Landkarten Fasziniertem immer klar. Diese Zwischenwelt, wo voralpines Hügelland in steile Kalkgipfel übergeht. Dazu seltsame und mythische Geschichten, die sich gerade um diesen Landstrich ranken. Der leckerste Käse, die schrulligsten Bauern, die ihren Frauen bis in die 1970er Jahre nicht die Fähigkeit zur klugen politischen Wahl zutrauten.

Vor dem richtigen Ankommen von Norden: Ein Grau-in-grau über dem Bodensee, diesiges Wetter, das so gar keine Laune macht. Schwer vorstellbar für den ortsunkundigen, dass oben eitel Sonnenschein ist. Dann schwenkt man auf die kurvigen Straßen vom Rheintal den Berg hinauf ein und irgendwann wird es heller und heller. Dann ahnt man es langsam: Wenn es noch weiter den Berg hinauf geht, durchbricht man die Wolkenschicht bald und dann wird es ein „Oh“-Erlebnis geben. So ist es dann auch und auf einmal ist nur noch gleißendes Sonnenlicht und blauer Himmel. Die Wolkendecke liegt unter einem. Auch von den höchsten Aussichtspunkten blickt man auf diese geschlossene Decke hinab. Das Erstaunliche: Auch das Hochtal um den Ort Appenzell liegt unter der Decke. Am spannendsten ist das Ganze da, wo man genau an der Grenze liegt. Mystisch wandert man in Dörfern wie Trogen durch die obersten schichten des Nebels.

Im bin dann im Laufe des Nachmittags immer wieder durch die Wolkenschicht gefahren, bergauf und bergab. Am Ende des Abends stand ich auf dem Balkon des Hotels Frohe Aussicht in Schwende, nahe dem Alpstein-Massivs. Nacht, Nebel, Stille, mystische Stimmung.

Am nächsten Tag bietet sich ein ganz anderes Bild: oben und unten alles ganz in Sonnenlicht getaucht. So besieht man die ganze Topographie vor Augen, auch Fond en Gipfeln wie dem Hohen Kasten, einem exponierten Gipfel am Rand des Rheintals.

 

So habe ich mal wider gesehen: Der Spätherbst bietet unerwartete und spektakuläre Wetterphänomene, die der spektakulären Berglandschaft noch mehr Reiz verleihen.

 

 

Wasser

Bretagne

Juli 12, 2015

Ich hab‘ mich das ja schon immer gefragt – wie die Leute an schönen Sommerabenden einfach so in ihren Häusern verschwinden können. Gänzlich verrückt ist, dass viele das nicht nur in heimischen Landen tun, sondern auch im Urlaub. Während also an wunderschönen Küsten die Sonne sich langsam gen Horizont sinkt, sitzen diese Menschen beim Abendessen und anschließend gibt’s noch ’ne Runde Brettspiele oder TV, nun ihr Kinder müsst dann leider mal ins Bett. Was all diese protestantisch-disziplinierten Transzendenz-Verächter und Romantik-Hasser verpassen, kann kaum beschrieben werden. Na gut, haben wir das halt für uns. Die Stimmung unter abendlichen Himmel ist mitunter unbeschreiblich schön, zumal wenn man sich als Destination eine Region ausgesucht hat, von der aus man qua Nomen des Abends aufs offene Meer schaut. Finistère – am Ende der Welt meinte man hier zu sein – damals, bevor man von Amerika hörte. Hier ging die Sonne schon immer zuletzt unter von allen Orten auf dem europäischen Festland. Das merkt man auch heute daran, dass es erst um Mitternacht dunkel wird. Gut, nordische Mittsommernächte sollen nun mal unberücksichtigt bleiben.

Wir jedenfalls voll so Sonnenuntergang zelebriert, auch da, wo man den gar nicht genau sehen konnte, weil irgendwelche Landzungen störten. Die Halbinsel Crozon jedenfalls ist zerklüftet, Buchten wechseln sich immer wieder mit wellenbrechenden Klippen ab, unser Ferienhaus lag oberhalb einer Bucht, die nach Südwesten zeigt, die Sonne ging also hinter einem Höhenzug unter. Aber wen störst?! Die Lichtstimmung einmalig, auf der Pointe de Penhir bei Cabaret-sur-mer kann man dann auch den Sonnenuntergang bewundern. Oder man fährt dafür an die Granitküste im Norden der Bretagne. Es sind nur drei Stunden mit dem Auto. Dort kann man die untergehende Sonne zwischen großen Felsblöcken und kleinen aus dem Meer herausragenden Dino-Rücken sehen. Bei Plougrescant findet man dann auch dieses pittoreske Häuschen, das zwischen Felsen eingeklemmt ist und das jeder schon mal gesehen hat. Das ist schön, aber wer hat das Auto davor gefahren? Das wirkt als sei alles nicht ganz durchdacht, so vom Romantik-Aspekt her. Insgesamt ist diese Granitküste noch ein bisschen mehr Bilderbuch als alles andere, was sich auch in den fast übertrieben süßen Häuschen zeigt, sie ist aber auch weniger vielfältig als die Westspitze des Landes. Bei Crozon wechseln sich – wie gesagt – Felsenriffs und lange Sandstrände ab. Die Buchten ähneln, zumindest bei Ile Vierge, den schönsten am Mittelmeer. Auf der anderen Seite am offenen Atlantik hat man die wilden Wellen des Ozeans. Sich hineinzustürzen ist ein Riesenspaß. Freilich dar man das eigentlich nicht.