Archives

In den Bergen

Alpenglühen in Albanien

August 18, 2019

Die Albanischen Alpen machen ihrem Namen alle Ehre. Die Gipfel im äußersten Norden Albaniens sind die spektakulärsten der Balkanhalbinsel und ähneln mit ihrem massiven Felsaufbau den Bergen in den nördlichen Alpen. Anders als im Hochgebirge Mitteleuropas ist man hier an sonnigen Herbsttagen meist ziemlich allein unterwegs. Zum Glück gibt es auch einen Schutzheiligen für Bergwanderer und er nimmt seine Aufgabe sehr praktisch wahr.

Es sind die letzten Oktobertage. Das Wetter ist wunderbar für diese Jahreszeit. Hier in den Bergen im Norden Albaniens kann es im Oktober auch schon einmal richtig winterlich sein. Daher habe ich zum schönen wetter auch das Glück, dass nicht viele andere Reisende meine Idee geteilt haben. Es ist sehr wenig Betrieb im Valbonatal, das sich von Südwesten in die Albanischen Alpen hinaufzieht. Gestern habe ich mich an der Maja Rosit (übersetzt Rosengipfel) versucht, 2.524 Meter hoch – und musste feststellen, dass da oben dann doch schon mehr Winter herrscht als unten erwartet. Der eisige Wind – plus die fortgesetzte Zeit – machten meinem Aufstiegsversuch kurz vorm Ziel den Garaus.

Gipfel um das Valbona Tal

Heute steht meine Wanderung zum Valbona Pass und weiter ins Tal nach Thethi an – das wird eine tolle, aber auch anstrengende Tour, soviel steht fest. Also: Früh aufbrechen! Ich verlasse um Viertel vor sechs das Bett und bin um halb Sieben im Jeep meines Herbergsvaters die Schotterebene hinauf unterwegs in Richtung Talschluss.

Lange Schatten am frühen Morgen

Die Sonne strahlt erst die allerhöchsten Gipfel an. Beim Dorf Rrogam geht es mit dem Jeep nicht mehr weiter, hier beginnt nun das echte Wandern. Die alten Häuser aus massiven Felssteinen, wehrhaft gegen Unbilden des Wetters, liegen noch im ganz im Schatten.

Später am Tag im gleißenden Sonnenlicht: Traditionelles Haus des Hochgebirges

Es regt sich noch nichts im Dorf, die meisten Bewohner sind um diese Zeit Ende Oktober ohnehin nicht mehr im Dorf, sondern haben sich in die nahen Kleinstädte oder nach Shkodra oder Tirana zurückgezogen. Ich gehe also ganz alleine und unbeobachtet durch die Morgendämmerung und es ist verdammt kalt. Kurz hinterm Dorf auf einmal jemand, der dasselbe Ziel zu haben scheint. Er kommt quer des Wegs und ist entschieden schneller und zielstrebiger unterwegs als ich. Obwohl er über der Schulter ein kleines Transistorradio trägt, einen Forest-Blaster würde ich gern sagen.

Radio Maria: Der Sound in den Alpen Albaniens

Pjeter heißt er und es stellt sich heraus, er betreibt ein Café auf dem Weg zum Valbona Pass. Und er bietet mir an, dass wir gemeinsam aufsteigen. Ich find’s natürlich auch nett, ein wenig Gesellschaft zu haben, ich fürchte nur, dass sich allzu schnell meine komplette fehlende Fitness herausstellt. Und genau so ist es dann auch. Pjeter springt den steilen Weg fast bergauf, jünger als ich ist er auf keinen Fall, und als wir einmal anhalten, erzählt er, dass er Sinusitis hat, also eine Nasennebenhöhlenentzündung. Es geht einfach nicht wieder weg, macht ihn schon ein bisschen schlapp. Puh, denke ich, was hab ich dann so alles…? Bei einer kleinen Pause, in der ich erstmal wieder zu Atem zu kommen versuche, drückt er zwei Zigaretten weg. Dabei läuft als Soundtrack die ganze Zeit Radio Maria – ein katholischer Radiosender aus Tirana, der sich nicht scheut die größten kirchlichen bis poppigen Gassenhauer zu spielen, die irgendwie christlich-religiösen Hintergrund, Inhalt oder Sound haben. Ich find’s eine prima Situation. Pjeter erzählt, dass er während der Saison – die Wandersaison ist gemeint – eigentlich immer in seinem Café schläft. Nur jetzt in den letzten Tagen wurd’s ihm zu kalt und dann schläft er im Dorf, durch das ich auch gerade gegangen bin und das über mehrere Hügelketten verstreut liegt und dabei größer als gedacht ist. Im Winter lebt Pjeter übrigens in Shkodra, das gefällt ihm aber gar nicht, er ist viel lieber in die Natur hier oben in den Bergen. Irgendwie erinnert er mich an jemanden, eine Berühmtheit. Ich komme noch nicht drauf

Auch nach der Pause komme ich leider einfach nicht mit. Ich muss ihn ziehen lassen, was mir schon reichlich peinlich ist. Lächerlich, vor allem, weil ich noch viele höher hinaus will.

Es ging dann noch ein steiles Schlussstück zu Pjeters Café hinauf – Café Simoni heißt es. Indoor und outdoor gehen hier ineinander über, alles ist ein bisschen improvisiert, wie man es an einem Platz ohne Strom- und Wasserversorgung nicht besser machen könnte. In eine Hütte kann man bei schlechtem Wetter ausweichen, in einer weiteren ist Pjeters Schlafplatz untergebracht.

Ich bekomme erstmal einen Kaffee und bleibe noch ein wenig zum Plaudern. Der Rastplatz im Wald wird von der flach einfallenden Morgensonne durchflutet, die Strahlen, vom Laub gebrochen, tauchen die Szenerie in ein unwirkliches Licht. Eigentlich ist das so ein perfekter Moment, ich bekomme Hochgefühle von einer Robinsonade oder dem „Morgen der Welt“.

Wärme zieht ein nach einer kalten Herbstnacht
Viel Außenbereich

Pjeter betreibt das „Café“ bis zum Einbruch des Winters, die kalten Monate über lebt er in Shkodra im Norden Albaniens. Zum einen liebt er es, in der Natur zu sein, zum anderen ist seine Passion, eine Proviantstation zu bieten für alle, die hier unterwegs zum Pass oder zu den Gipfeln sind. Man kann ihn also mit etwas Pathos als leibhaftigen Schutzheiligen der Albanischen Alpen nennen – ein Schutzheiliger, der seine Aufgabe im Hier und Jetzt ganz wörtlich nimmt.

Pjeter macht es sich in seiner Hütte, besser gesagt, in seiner Hüttenlandschaft mit reichlich Outdoor-Platz gemütlich und wartet gespannt, wer heute noch des Weges kommt. Allzu viele dürften es nicht sein.

Aber ich bin ja nicht wegen des Cafés hier, sondern möchte auch noch im morgendlichen Licht weiter hinauf wandern. Ich nehme den Valbona Pass ins Visier und danach gegebenenfalls weiter ins Tal von Theth auf der anderen Seite. Bis zum Pass seien es lediglich eineinhalb Stunden, meint Pjeter. Naja, denke ich, mal sehen – man kennt ja die Zeitangaben der Leute in den Bergen. Bei ihnen gehen die Wege immer etwas schneller als bei Bergtouristen mit zweifelhafter Fitness wie mir. Bei gleichmäßigem Schritt schaffe ich es tatsächlich in weniger als zwei Stunden und gehe noch ein wenig weiter Richtung Tethi, ohne allerdings ganz dahin abzusteigen. Der Rückweg würde erneut 1.000 Meter bergauf plus anschließendem Abstieg bedeuten.

Der Blick hinunter ins Valbona-Tal ist atemberaubend schön. Perfekte Herbst-Landschaft.

Beim Abstieg mache ich natürlich noch einmal bei Pjeter Halt. Bei der Ankunft hat der Schatten der zackigen Gipfeln gerade eine scharfe Line durch die Szenerie gezeichnet, halb liegt das Gelände noch im Sonnenschein. Gerade hat sich das Café gefüllt: sechs Jugendliche, die hier den physischen Teil ihrer Prüfungen zum Duke of Edinburgh Award absolvieren – eine Art Reifeprüfung auf allen Ebenen – machen hier gerade Pause, samt Betreuern. Für den Kaffee und den Schnaps, den Pjeter mir gibt, will er nichts bekommen – ein wahrer Schutzheiliger, der hoffentlich hin und wieder auch an sein eigenes Auskommen denkt.

Und jetzt weiß ich auch, an wen er mich erinnert – Tommy Lee Jones (oder?).

Auch Arthur ist zu Gast bei Pjeter, er bespricht mit den Guides der jungen Award-Teilnehmer eine mögliche Tour, Arthur ist Bergguide und führt Bergwanderer über die Peaks of the Balkans. Die gesamte Tour verläuft zehn Tage durch die Gipfelregionen von Albanien, Montenegro und Kosovo. Okay, das nehme ich mir für ein anderes Mal vor. Erstmal wandere ich mit Arthur zusammen zurück ins Tal und bekomme durch seinen Vater noch eine bequeme Rückfahrgelegenheit zu meiner Pension geboten. Abends falle ich ermüdet, aber zufrieden ins Bett. Beim Abendspaziergang hier im unteren Valbona-Tal, wo die Gipfel noch enger beieinander stehen, sehe ich neben meiner Pension noch eine wertvolle Hinweistafel: Wie verhalten, wenn man einem Bären begegnet – sich laut bemerkbar machen, nicht wegrennen, sondern laut reden und langsam den Rückzug antreten. Der Hinweis wäre für die heutige Wanderung zu spät gekommen, aber ich bin sicher, ich hätte es ähnlich cool gemacht.

Pension Rilindja im Valbona Tal
In den Bergen

Wandern in den Bergen von Santo Antão – grüne Kapverden

Januar 9, 2018

Oh, Mann… Vor einer halben Stunde konnte ich wenigstens noch uns Tal blicken. Wie ein grüner Graben breitete es sich unter mir aus, beschirmt von bizarr-zackigen Gipfeln. Jetzt ist nichts als graue Suppe um mich. Dafür all die Anstrengung? Denn es sieht nicht eben aus, als wollte diese Nebel-Wolken-Mischung weiter oben wieder aufbrechen. Der Weg aus Pflastersteinen, der den steilen Hang in unendlich vielen Kehren hinauf strebt, ist dabei zwar gut zu gehen, aber er verliert sich immer einige Meter vor mir im trüben Nichts. Komplette Stille.

Ich hätte gewannt sein müssen. Schließlich liegt diese Insel an der Passat-Front. Die feuchten Luftmassen vom Atlantik, in bestimmter Jahreszeit sind es unerbittliche Stürme, treffen mit Santo Antão auf die erste Insel der Kapverden. Und wenn es heißt, die neun bewohnten Inseln seien sehr verschieden – manche wüstenartig flach, andere zerklüftet und auch trocken – und Santo Antão sei die grünste von ihnen, dann ist erst recht klar, dass das Wetter hier launisch sein kann. Dabei ist Santo Antão selbst wie ein kleiner Kontinent. Obwohl gerade einmal 779 Quadratkilometer und damit kleiner als der Stadtstaat Berlin, gibt es eine beachtliche landschaftliche Vielfalt. Im Süden, hinter der Inselhauptstadt Porto Novo ist es relativ flach trocken. Vom Südwesten bis in den Norden ist es ebenfalls trocken, die Landschaft aber bergiger, teilweise zerklüftet wie im Südwesten der USA. Bis zu 2.000 Meter hoch wachsen die Berge, teilweise Vulkane in den Himmel, oben wird Landwirtschaft betrieben. Und dann eben die grünen Täler ganz im Norden.

Auch die Bäume weinen

An deren Gipfeln hängen sehr oft Wolken. Das macht Sinn, sonst wäre die Landschaft hier weniger grün. Mitten in diesen Wolken befinde ich mich jetzt gerade. Es nieselt, aber nicht vom Himmel, sondern nur aus Bäumen und Sträuchern, an denen der unablässig über die Berggrate wabernde Nebel Unmengen an Feuchtigkeit hinterlässt. Vielleicht weinen die Bäume ja mit mir über die trübe Wetterstimmung, und in Gedanken haben wir gemeinsam die wunderschönen Bilder, wie sich die bizarre Berglandschaft im Sonnenschein ausbreitet, in der nicht so fernen Ferne leuchtet dazu der blaue Ozean. Auch wenn es beim Aufstieg kleine Lücken am Himmel mit Blau gab, kann ich mir das gerade kaum vorstellen, ich hab’s hier ja auch noch nicht gesehen, die Bäume schon…

Zurück zur Realität: Wegen der schlechten Sicht ist das Ende des Aufstieges nicht erkennbar. Hinweisschilder dieser Art gibt es natürlich nicht, diese Wege sind auch nicht für wandernde Touristen eingerichtet, sie sind vielmehr immer noch Transportwege für die Einheimischen, deren Häuser abseits der Straßen liegen. Angesichts der Anstrengungen des nun schon mehr als zwei Stunden dauernden Aufstiegs macht sich ein bisschen deprimierende Stimmung in mir breit, aber hey: es wird schon ein Ende der Strapazen geben. Und abbrechen gibt’s nicht.

Auf einmal jedoch sieht es so aus, als steige der Felshang über mir nicht weiter an und zwei Kehren weiter befinde ich mich ich auf einer Art Sattel. Rechts und links zieht sich der Felsgrat noch etwas höher, aber nach kurzer Zeit gibt es eine kleine Auflockerung und ich sehe in den Krater Cova de Paul. In den Krater hinein zu gehen, kostet dann gerade einmal 15 bis 20 Minuten und hier sieht auf einmal alles recht unspektakulär aus. Der Krater ist eine fast ebene Fläche von weniger als einem Kilometer im Quadrat, auf der sich Felder befinden und einzelne Kühe angebunden herumstehen. Aus kleinen Ställen am Rand der Fläche tönen andere Tiergeräusche. Immer wieder ziehen dichte Nebelfronten von einem Ende zum anderen, dazwischen klart es kurz auf. Der Kraterboden liegt wohl auf etwa 1.100 Metern, die höchsten Zacken am Rand erreichen 1.500 Meter.

Das sieht jedenfalls anders aus, als ich es vom Tal aufsteigend erwartete. Denn untern wähnt man sich in einer sehr spektakulären Vulkanlandschaft. Meine Vorstellung: Die im Wolkendunst liegenden Spitzen müssten gerade erstarrte bizarre Felskrater sein, einer Urlandschaft ähnlich.

Nun denn, wieder hinab ins Tal von Paul. Und das bewahrt sich sein Mysteriöses auch beim Abstieg: Die Wolken geben den Blick erst weiter unten frei. Die höchsten Gipfel bleiben ohnehin die gesamte Zeit über verhüllt. Als müssten sie als Beschützer eines lieblichen Tals ganz vornehm im Hintergrund bleiben.

Trotzdem erkennt man ihre zackigen Formen, wegen derer man eben auch die Krater dahinter wilder vermutet. Beim Abstieg klart es ziemlich genau an jener Stelle auf, wo auch Wald und wildes Gestrüpp von den höchstgelegenen landwirtschaftlichen Flächen abgelöst werden. Bald erscheinen die ersten Häuser wieder, umgeben von Terrassenfeldwirtschaft an den steilen Hängen. Wobei die Terrassen nicht in den Hang hineingehauen wurden, vielmehr haben die menschen hohe Mauern aus Felssteinen aufgeschüttet und den Raum hangwärts mit fruchtbarer Erde aus dem Talgrund aufgeschüttet. Anstatt den Hängen etwas abzuringen, haben sie sie gewissermaßen aufgemotzt – mühevoll.
Etwas ganz Spezielles ist auch die Wasserversorgung auf Santo Antão. Zwar gibt es ausreichend Niederschläge, aber an das Wasser kommt man nicht so ohne Weiteres heran. Es versickert nämlich erst einmal und durchfließt viele durchlässige Gesteinsschichten, teilweise bis auf Meeresniveau. Es kann somit nur an ganz bestimmten Stellen gefördert werden. Um die Terrassenfelder zu wässern, ist daher ein ausgeklügeltes System von Kanälen angelegt worden.

Diese Levadas werden teilweise von den wenigen natürlichen Wasserläufen abgezweigt. Es sieht ein wenig aus wie die Waalwege in den Alpen. Eins der ersten Häuser am Weg bergab gehört Juze Anton. Der ältere Herr sitzt auf der Terrasse seines Hauses, das nach vorn bescheiden wirkt, von der Talseite jedoch weithin sichtbar ist und als eines der größten erscheint. Wie er da so sitzt in weißem Hemd und Anzughose – es ist Sonntagnachmittag – sieht er sehr würdevoll aus und scheint sich über die Aussicht, von einem dahergelaufenen Wanderer abgelichtet zu werden, ehrlich zu freuen. Seine Frau Alice nimmt ihr Kopftuch ab und Posieren können beide gut.

Überhaupt scheint das Posieren den Kapverdianern in die Wiege gelegt zu sein. Kein Wunder, denn sehr viele von ihnen sind objektiv betrachtet einfach sehr schöne Menschen. Gerade die Leute in den Dörfern auf Santo Antão haben sich zudem eine große Natürlichkeit bewahrt. Wie lange das angesichts des boomenden Tourismus noch anhält, bleibt abzuwarten.
Auf dem Weg weiter ins Tal hinab bittet mich eine Frau vehement in den Innenhof ihres Hauses, um mir eine Tasse Kaffe anzubieten. Nach zwei Schluck möchte sie dann unumwunden 500 Escudos dafür haben, das sind 5 Euro.

Ökotourismus: Einer der ersten auf der Insel

Zurück im Tal, auf der Strasse, an der sich fast alle Siedlungen aufreihen. Meine Wanderung hat mich müde, mit einer schummrig-gemütlichen Note zwischen Kopf und Beinen gemacht. 700 steile Höhenmeter mache ich nicht gerade täglich. Leider hat die Bar O Curral heute bereits um 16 Uhr ihre Pforte geschlossen. Gestern war ich bereits hier und habe mich ein bisschen durch die lokalen Spezialitäten aus biologischem Anbau probiert.

Alfred Mandl war hier im Jahr 2003 Pionier mit einer ersten Ökotourismus-Einrichtung auf Santo Antão. Das Café-Restaurant bietet Leckereien, die fast alle aus der eigenen kleinen Landwirtschaft nebenan stammen. Der Grogue, auf den ganzen Kapverden reichlich fließender und wohlschmeckender Rum aus Zuckerrohr, wird hier in vielen Varianten angeboten, auch als Likör. Auch Öle sowie den Queijo, eine lokale Ziegenkäse-Spezialität, gilt es zu probieren. Und natürlich den Wein von der Insel Fogo. Schmeckt alles hervorragend, muss ich sagen. Und selbst dem sehr intensiv schmeckenden Zuckerrohrsaft kann ich etwas abgewinnen, den muss ich allerdings nicht in rauen Mengen haben.

Dass hier, gerade im Vale do Paul so einiges aus Zuckerrohr gemacht wird, verwundert nicht. Die langen Stauden mit ihren weichen Federn an der Spitze, die jeder gelegentlich auftauchende Sonnenstrahl zum Gleißen bringt, sind allgegenwärtig. Wohl noch häufiger als Bananenstauden und Papayabäume.
Überhaupt, die Felderwirtschaft. Ist die Naturlandschaft mit ihren Krokodielsrückenartigen Bergen und dem engen Tal von Paul filigran, passen sich die Anbauflächen der Bauern an: Winzige Parzellen, jeder Quadratmeter wird von den Talbewohnern genutzt zum großen Teil zur Selbstversorgung. Aus igrendeinem seltsamen Grund dürfen Lebensmittel nicht von Santo Antão auf die anderen Inseln exportiert werden. Schuld ist ein Keim, vor dem man sich dort fürchtet.

Schlafen im Paradies

Heute also leider keine Bio-Spezialitäten in der bar O Curral, Sonntags wird früher Feierabend gemacht. Dafür strande ich auf dem langsamen Heimweg talabwärts in der Bar von Jorge. Die Party ist bereits aus drei Kilometern Entfernung zu hören, eine Mischung aus traditioneller kapverdischer Musik – dem Batuku – und Hiphop im globalen Stil mit leicht lokalem Einschlag. Ursprung des talfüllenden Sounds ist die Bar am tiefsten Punkt des Tals, bevor ich noch einmal zum finalen Anstieg zu meinem Traum-Domizil ansetzen muss. Es ist gerade noch schöner Spätnachmittag, der Himmel aufgelockerter als den restlichen Tag, also kehre ich ein. Und es ist wohl die erste Bar, in der die Musik leiser gestellt wird, man als erster Gast einkehrt. Also sitze ich da alleine bei nun leiserer Musik. Aber das macht nichts, denn ich trinke ja einen Grogue. Eine wohlwollende Müdigkeit krabbelt langsam meinen Körper von unten hinauf. Der Grogue tut sein Übriges und der mit Maracujasaft versetzte Grogue, den mir Jorge noch so nebenbei zum Probieren gibt und der mich an Likörgetränke aus der Jugend denken lässt, dabei aber bedeutend weniger chemisch schmeckt, tut es auch.

Schließlich mache ich mich auf den letzten Anstieg zu Aldeia Manga, Heimat für sechs Nächte. Das Resort liegt fern der Durchgangsstraße erhöht auf der ruhigeren Talseite. Der Weg führt zwischen Feldern entlang, gerade ist Höhepunkt der „Blauen Stunde“. Letzte Helligkeit fällt über die Berge uns Tal, schwere Wolken schaffen eine mystische Stimmung. Vom Weg sehe ich gegenüberliegende Berghänge, an denen sich einige funzlige Straßenlaternen aufreihen. Dass dort oben unter Bäumen überhaupt noch Häuser stehen, hätte ich nicht gedacht, dass sie diesesn Service der nächtlichen Beleuchtung haben, erst recht nicht. Es sieht im Halbdunkel sehr schön aus.

Aldeia Manga – ein kleines Paradies: Sechs Bungalows liegen unter Bananen- und Papayabäumen in absoluter Ruhe. Traumhaft schön, dabei angenehm einfach ohne Luxus und wahrhaft ökologisch geführt. Plastik-Wasserflaschen sind tabu. Das Leitungswasser wird mit Hilfe von UV-Filtern gereinigt und schmeckt super. Das Essen kommt von den Kleinbauern der Umgebung.

Man passt hier die Tagesrhythmen der Natur an. Das Abendessen wird pünktlich um 19 Uhr zum Einbruch der Dunkelheit serviert, ab kurz nach 20 Uhr haben die Bediensteten frei, man kann dann noch Getränke aus dem Kühlschrank nehmen und bis in die Nacht hinein auf der Terrasse abhängen. An meinen Abenden sind die abendlichen Pläuschchen mit anderen Reisenden meist begleitet von stetem Wind, der die riesigen Blätter der Bananenstauden ordentlich herumwirbelt. Jorge, den Mann von der Bar, sehe ich hier mehrfach wieder. Er ist so etwas wie ein Allroundworker. Er mäht Rasen, baut an Möbelstücken herum, und ist auch an anderen Orten im Tal zur Stelle, wo helfende Hände oder Kommunikation gefragt sind.

Auf und ab überm Atlantik

Der Wind ist die ganze Nacht zu hören, aber das macht nichts. Mich beruhigt es. Ich muss dazu sagen, ich habe ein starkes Faible für stille Orte in einsamen Tälern, am besten unter steilen Gipfeln. Ich fühle mich da immer geborgen und eins mit der Welt. Schlaf also allemal gut.

Am nächsten Tag heißt es dann wieder wandern. Dieses Mal aber mit Meerblick. Zunächst geht es durch die Ribeira Grande, vorbei an steilen Terrassenhängen.

Dann runter zum Meer. Hier unten ist das Wetter gleich besser, auch wenn ein starker Wind keine richtige Wärme aufkommen lässt. Faszinierend finde ich bei dem Weg von Cruzinha nach Ponta do Sol, dass auf jedem Flecken Land, der nicht zu steil ist, Menschen siedelten.

Auch dort, wo tiefe Canyons sich nach wenigen Metern in eine Meeresbucht übergehen. Ruinen von einstigen Dörfern zeugen davon. Landwirtschaft ist kaum möglich, vielleicht ein bisschen Fischfang. Unterwegs begegnet man auch einer Stelle, an der viele Riesenkanister lagern, ein Hinweis, dass hier tief im Fels Wasser aufgefangen wird, dass die Gesteinsschichten durchfließt und hier nahe an der Oberfläche zutage tritt.

Den nächsten größeren Ort Ponte do Sol erreicht man auf schweißtreibenden Wegen. Zwischen den Dörfern Forminguinhas und Corvo und ganz besonders zwischen Corvo und Fontainhas geht es hunderte Höhenmeter bergauf und wieder bergab.

Wenn Fontainhas ins Bild kommt, meint man, die Häuser des Ortes habe ein Riese einfach nach Laune in eine Urlandschaft hingeworfen, so wild verteilen sie sich über die Hügel mit steilen Felsflanken, meist liegen die Häuser oben auf einem Hügelgrat.

Erschöpft, aber wieder ziemlich glücklich erreiche ich Ponte do Sol, das auf den ersten Blick einigermaßen schmucklos auf einer Landzunge liegt. An deren Spitze erstreckt sich gar eine Landebahn. Doch die war bisher einfach zu kurz und die Enden gehen unmittelbar in den Atlantik über, so landet und startet hier auf absehbare Zeit kein Flugzeug. Ein Glück für diese stille Insel.

Genuss-Orte

Die Reben machen das schon: Naturnaher Weinbau in der Steiermark

November 11, 2017
Biologischer Weinbau in der Südsteiermark

Wein ist in aller Genießer Munde. Die Ansprüche wachsen. Für Produzenten heißt das: Alles tun für gute Erträge und gleichbleibend hohe Qualität. Aber Wein ist eben auch Naturprodukt. Die Natur lässt die Reben gedeihen und ist mitunter launig. Winzer Hannes Söll ist der Ansicht: Zu viel Bearbeitung schadet eher, die Reben sollen von selbst wachsen. Auf seinem Weingut in der Südsteiermark verfolgt er einen entsprechenden Ansatz mit Erfolg.

Jetzt gräbt er schon wieder etwas aus: Eine ziemlich dicke Knolle! Nase drangehalten: Es riecht intensiv nach frischem Meerrettich. Die Knolle wächst hier einfach so am oberen Ende der Weinlage.

Aber nicht nur sie – auch kleine Nussbäume kann man alle paar Meter ausgraben, zahlreiche Kräuter und Heilpflanzen finden sich. Und das Gras wächst sowieso recht hoch. Kein Wunder: es wird auch mit der Sense per Hand gemäht. Nur: Wie verträgt sich all das mit den Reben? Brauchen die nicht die ganze Kraft des Bodens für ihr eigenes Wachsen? Hannes Söll sagt: „Nein“. Die größte Konkurrenz für eine Rebe sei die ihr nächststehende Rebe. Wachsen zu wenige andere Pflanzen in der Umgebung der Reben, dann herrscht Armut im Boden und die Reben graben sich gegenseitig Saft und Kraft des Untergrunds ab. Monokultur sei von der Natur nicht vorgesehen. Eine große Vielfalt an Pflanzen auf kleinem Raum führe dagegen zu Nährstoffreichtum.

Söll stellt seine Philosophie und Arbeitsweise bei einem Rundgang durch seinen Weingarten in Steinbach vor und und als Besucher bekommt man dabei auch schon einmal den Spaten in die Hand gedrückt. Ein bisschen graben zur Demonstration. Was hier so alles wächst! Aber auch, wie locker und lebendig sich die Erde anfühlt, erstaunt. Letzteres rührt von der Vielfalt an wildem Wuchs und der extensiven Behandelung des Bodens. Den lässt Söll nämlich so weit es geht in Ruhe.

Der Wildwuchs gefällt übrigens auch Rehen, die nicht unbedingt willkommen sind, da sie sich gerne an den Reben bedienen. Söll versucht, sie mit menschlichem Haar abzuhalten. Das klappt nur nicht immer optimal. Doch auch andere Tierarten lieben einen naturnahen Weingarten – Insekten und andere Kleintiere zum Beispiel. Und wenn es denen gut geht, haben alle etwas davon, schließlich sind viele Insekten für die Bestäubung von Pflanzen zuständig und ihr massiver Schwund in unsere Kulturlandschaft während der letzten Jahrzehnte bedroht unsere Nahrungsmittelversorgung.

40.000 Kinder, viele Punks darunter

Seine Reben betrachtet Hannes Söll als seine Kinder – 40.000 mögen es wohl sein. Wie man es mit Kindern tut, so ist Söll auch für seine Kinder da und schaut, was sie brauchen, um gut zu gedeihen. Zu viel Hilfe und Betreuung solle es aber gerade nicht sein. Vielmehr sollten die Reben von Beginn an lernen, alleine mit den Herausforderungen ihrer natürlichen Umgebung zurechtzukommen: Niedrige Temperaturen zum Beispiel, Frost, Nässe, andere Pflanzen, die sich an den Nährstoffen im Boden gütlich tun. Das sollten die Reben aber hinbekommen, so Söll. Schließlich sei in jeder Zelle das Programm zum Überleben gespeichert, man müsse es nur laufen lassen. Eingriffe von außen behinderten demnach nur dieses Programm. Ein natürliches Gleichgewicht, das könne nicht der Winzer durch Düngung oder chemischen Pflanzenschutz erreichen, das könne nur die Natur selbst herstellen.

Das Prinzip Eigenverantwortung will er seinen Kindern also beibringen. Und so geht er auch nur dreimal im Jahr durch den Weingarten, während andere Winzer 10 oder 12 mal im Jahr ihre Reben bearbeiten. 40.000 Kindern ständig die Haare schneiden zum Beispiel klingt aufwendig. Und so schneidet Söll ihnen eben nicht ständig die Blätter. Auf das Abschneiden von Blättern, die den Rebstock mit Nahrung versorgen, reagiert dieser nämlich mit dem Austrieb von Ersatzblättern – sogenannter Geiztriebe. Das hört sich schlecht an und das ist es auch. Der Geiztrieb versorgt den Stock nämlich zunächst 30 Tage lang nicht und verwertbare Trauben trägt er später auch nicht. In der Folge muss gespritzt werden. Darum bleibt an den Söll’schen Reben Wildwuchs erst einmal hängen. Man sieht es ihnen an: Um beim Haareschneiden-Vergleich zu bleiben: Wahre Punks mit wirren Frisuren finden sich unter den Reben, wo andernorts der genormte Kurzhaarschnitt dominiert.

Besser gewappnet gegen Klimaextreme

Wachsen sollen die Kinder auch von selbst. Auf Düngung verzichtet der Winzer gänzlich. Das schont zum einen natürlich den Boden. Zudem wachsen die Trauben aber auch langsamer, wodurch die Wurzeln bis in tiefere Schichten reichen und mehr Mineralien aufnehmen – und ein Mehr an Geschmack gleich mit. Langsameres Wachstum und tiefe Verwurzelung machen sie aber auch widerstandsfähiger gegenüber Krankheiten. Und so kann Hannes Söll auf Pestizide weitgehend verzichten, was noch einmal die Umwelt schont.

Und das langsame Wachstum hat einen weiteren wichtigen Vorteil: Es macht unabhängiger von klimatischen Extremereignissen. Häufig kommt es zu spätem Frost Ende April, gepaart mit Regen. Wenn die Reben dann bereits ausgetrieben haben, gehen viele ein. Bei Hannes Söll treiben sie dagegen erst im Juni aus und so ist er von Frösten und Feuchtigkeit im späten Frühjahr weniger betroffen.

Ein besonderes Tröpfchen

So eine Führung durch den Weingarten ist nicht nur informativ, auch die Stimmung nimmt in ihrem Verlauf Fahrt auf. Schuld daran sind die Erzeugnisse der Söll’schen Weinberge. An jeder Station gibt es nämlich eine Rebsorte zu verkosten. Welschriesling, Weißburgunder, Sauvignon Blanc, Gelber Muskateller.

Denn gibt es noch einen roten Machrima: Ma – was? Ich bin nicht der größte Weinkenner, die gängigen Rebsorten kenne ich aber und diese ist mir noch nie untergekommen. „Das ist die Abkürzung für Matthias, Christian, Maria. Unsere drei Kinder.“ – Ahh. Alle übrigens in sehr guten Jahrgängen zur Welt gekommen – ein gutes Omen!
Die Dramaturgie der Weinfolge stimmt, die Aufmerksamkeit sinkt hoffentlich nicht in dem Maße wie die Stimmung steigt. Denn zum Ende gibt es noch einen Höhepunkt. Die Gruppe, die neben mir zum größten Teil aus der Belegschaft einer obersteirischen Bank-Filiale besteht, wird in den Keller geführt. Der Keller ist wirklich einer: eng und in altem Gemäuer. Auch hier weicht Söll bei manchen Dingen von der Praxis anderer Weinbauern ab. So reguliert er die Temperatur des Weines nicht. Variiert der Wein bei Temperatur im Vergleich zum Vorjahr, wird er auch anderes schmecken als in anderen Jahren. So ist das eben – Wein ist Naturprodukt, womit wir wieder beim Thema wären.

Neben anderen Fässern lagert hier ein besonderer Schatz. Hannes Söll stellt den Inhalt eines Fasses vor, in dem er vor 15 Jahren Süßwein eingelagert hat und mit diesem bei Lagerung und Gärung seither experimentiert. Natürlich gibt es auch von diesem einen kleinen Schluck zu probieren. Wenn ich schreibe, der Geschmack liegt zwischen einem süßen Auslese-Wein, Sherry und einem edlen Weinbrand, trifft es das nur unzureichend. Denn das ist einer der köstlichsten Tropfen, den ich je im Mund hatte.

Flüssige und feste Leckereien

Die Führung ist beendet, der Pegel gut eingestellt – sowohl der Wein- wie auch der Wissenspegel. Nun bedarf es einer Grundlage im Magen. Die kommt auf der Terrasse des Weinguts in Form einer Jause daher. Der lange Tisch quillt über vor Schinken, Salami, verschiedenen Käsesorten, Käferbohnensalat und anderen Leckereien aus eigener Produktion.

Alles badet wohldosiert in Kernöl. Die Weinbewanderten genießen die Produkte der Umgebung, während sie inmitten herbstbelaubter Hügel in der Oktobersonne sitzen. Dazu laufen weitere Flaschen guten Weins leer. Ein ziemlich perfekter Tag im Rebenparadies. Das alles mit dem beruhigenden Wissen, dass man die Zutaten zu solch einem opulenten Mal auch zu naturschonenden Bedingungen anbauen und produzieren kann.

Jeder kann etwas tun

Hannes Söll gibt dann auch den Teilnehmern der Weinwanderung ein Anliegen mit auf den Weg: Wir alle können etwas dazu beitragen, die Biosphäre zu schützen, der wir solch Köstliches wie den Wein der Südsteiermark zu verdanken haben. Regional und saisonal konsumieren, Massenware meiden. Bei alltäglichem Handeln einfach mal an die Konsequenzen denken. Eigentlich selbstverständlich, vielfach heruntergebetet und doch oft nicht befolgt. Hier beim naturnahen Weinbau wird alles greifbar. Allerdings werden viele Besucher einer so schönen Landschaft kurzfristig zu großen Naturschützern. Der Missing Link zum Handeln – wer baut ihn?

Naturnah arbeitende Weinbauern jedenfalls nehmen ein hohes Risiko in Kauf. Söll hat nach seinen Lehrjahren das elterliche Erbe auf einem konventionell wirtschaftenden Hof ausgeschlagen und einen eigenen Hof eröffnet, um seine Philosophie zu verfolgen. Das System jedoch, das auf kurzfristige Gewinne ausgerichtet ist, belohnt nachhaltiges Denken und Handeln nicht eben. Zwar hilft die naturnahe Bewirtschaftung, Arbeit und Materialeinsatz einzusparen. Besonders profitiert die Umwelt, der Pestizide erspart bleiben, ebenso wie unser aller Gesundheit. Dauerhaft zahlt sich eine schonenden Behandlung des Bodens allemal für die Erträge aus. Doch bis Hannes Söll so weit war, dass sich seine Bewirtschaftungsweise auch für seinen Hof auszahlte, dauerte es. Gerade zu Beginn ist das Risiko von Missernten hoch, sagt der Winzer. Banken jedoch verlangen pünktliche Ratenzahlungen bei Kreditvergabe. „Da gibt es eine schwierige Zeit, die man einfach überstehen muss“, sagt Söll. Insofern sind die Bankbediensteten vielleicht das passendste Publikum für einen Rundgang.

Edel, ökologisch und sozial

Für Söll spielt neben der Naturverträglichkeit seines Wirtschaftens auch der Faktor Mensch eine große Rolle. Seine Reben werden fast ausschließlich von Hand bearbeitet und auch bei der Verarbeitung kommt neben Maschinen viel menschliche Arbeitskraft zum Einsatz. Man kann es sich gut vorstellen, dass menschliche Erfahrung und Hände am besten mit dem notwendigen Feingefühl auf die individuellen Bedürfnisse der Reben eingehen. Gleichzeitig werden auf diese Weise Menschen in die Herstellung des Terroir-Produkts Wein einbezogen. Ökologisch und sozial geht eben auch gut zusammen.

Der Verkauf am Weingut geschieht im historischen Sudhaus, das mit seinen verwitterten Holzbalken im Innern irgendwie zur Hartnäckigkeit seines Besitzers passt, der dem Zeitgeist des „immer mehr, immer schneller“ erfolgreich trotzt. Darin kann man auch eine Kleinigkeit essen oder auch nur eine kleine Weinprobe nehmen.

Wer auf dem Weingut Söll inmitten schöner Rebenberge längere Zeit verbringen möchte: Es gibt fünf modern eingerichtete Zimmer. Dass man dann nachts im Mondschein Hannes Söll durch seine Reben streifen sieht, muss man eher nicht erwarten. Denn auch wenn der Weinbauer sich bei Lese wie anderen Arbeiten nach Mondphasen richtet, wird die Arbeit wohl eher tagsüber verrichtet. Wenn man bedenkt, welche Wirkungen der Mond auf den Meeresspiegel hat, warum soll er nicht den Zustand von Pflanzen beeinflussen, deren Inneres weitgehend flüssig ist..

In den Bergen

Über den Rücken der Kapverden-Insel Santo Antão

November 10, 2017

Einmal von Nord nach Süd geht es über die Insel Santo Antão. Und bei dieser kurvenreichen Fahrt wird klar, dass dies nicht nur die grünste sondern auch die vielfältigste Insel der Kapverden ist. Im trockenen und sonnigen Westen der Insel geht es die Bordeira de Norte hinauf, die Geländestufe zum vulkanischen Hochland, wo man sich ein wenig aus der bewohnten Welt hinausgeworfen fühlt.

Dass sich die schönsten Aussichten dieser Insel nicht leicht erschließen, das weiß ich mittlerweile. Aber dass sie mir während meines gesamten Aufenthalts verschlossen, besser gesagt: verschleiert bleiben, ist dann doch betrüblich. Ganz oben auf dem Inselrücken herrscht dichter Nebel. Die Menschen, die hier an der Straße leben, laufen in dicken Jacken herum. Es scheint nichts Außergewöhnliches zu sein, dass es hier oben am Morro Conceicão in fast 1.400 Meter Höhe regnerisch und kühl ist. Wie schön die Aussicht in alle Richtungen sein muss, kann ich nur erahnen. In Corda auf der Nordseite der inseldurchquerenden Straße schien noch die Sonne durch diesige Wolken. Eine seltsam abgeschiedene Stimmung herrscht gerade in dem Dorf, das weit oberhalb der Küste liegt und dem Meer damit schon fern, obwohl es keine 10 Kilometer Luftlinie entfernt ist. Die Menschen wirken viel zurückhaltender als in den Orten an der Küste. Sie leben auch nicht so selbstverständlich draußen auf der Straße, sind viel mehr in ihren Häusern, was natürlich mit dem kühleren Klima zu tun hat.

Gleichzeitig tun die terrassenförmigen Felder und einzelne Zypressen so, als sei das alles ein irgendwie warmes Terrain. Die Zypressen stechen so übertrieben lang und spitz in den Himmel, als wollten sie ihre Vereinzelung wettmachen und mit aller Macht an die Toskana erinnern.

Zypressen

Auch Corda liegt schon sehr hoch. Unterhalb von Corda liegt die spektakulärste Stelle der Straße. Am Delgadim nimmt die Straße die gesamte Breite des Berggrats ein. Zu beiden Seiten fallen die Felswände hunderte Meter steil ab. Die Bergrücken reihen sich hintereinander wie Krokodilsrücken. Wolken und Nebel geben dem Ganzen eine besondere Atmosphäre.
Bis genau zu dieser Stelle hat mich Jose gestern bereits gefahren. Ich bin von hier aus die Straße zurück nach Ribera Grande gewandert, langsam an die Küste hinunter, in vielen Serpentinen. Da kannte ich noch nicht die Passstraße Richtung Süden und dachte beim ersten Haus unterhalb von Delgadim: Das ist das höchstgelegene Haus weit und breit. Hinaus trat kurz zuvor Manuel. Der Vater von vier Kindern ging über die Straße, um über eine kleine Kuppe dorthin zu gehe, wo es nur nach Abgrund aussieht. Ich bin ihm gefolgt und habe mir angesehen, wohin er geht.

Mit seinem 20-Liter-Plastikkanister ging er an der praktisch senkrechten Wand entlang, um einen Talschluss im Halbrund herum. Geschätzte 60 Höhenmeter tiefer verschwindet er unter Bananenstauden. Als er zurückkommt, nach verdammt kurzer Zeit – ich hätte sicher das Dreifache gebraucht – erklärt er mir, dass da unten ein kleiner Wasseraufschluss ist. Beim Hinaufklettern über den steilen Pfad trägt er den wahrscheinlich 20 Kilo schweren Kanister auf dem Kopf und absolviert den Weg fast tänzelnd. Dabei hat er die ganze Zeit ein Lächeln auf den Lippen, als wäre das hier das Leben, das er sich ausgesucht hat.

Dass de Landschaft hier oben schon relativ trocken erscheint, irritiert ein wenig, schließlich habe ich die letzte Nacht in etwa zwei Kilometer Luftlinie Entfernung verbracht und dort wähnte ich mich im Regenwald. Das Geheimnis ist, dass die Feuchtigkeit in der Luft, weil in den Bäumen liegt. Und mein Domizil lag ganz unten im Talkessel, während wir uns hier über den meisten Wolken befinden.
Im Tal von Xoxo hat man das Gefühl, die Berge würden in den Himmel wachsen. Die Tatsache, dass man die Spitzen nicht sieht und es von oben einen beständigen Nieselregen gibt, verstärkt dieses Gefühl natürlich.

Völlig unbeirrt und wie aus einer anderen Welt erscheinen mir als Reisendem die Einheimischen, die sich die steilen Pfade mit Eseln und schwer bepackt hinauf und hinab quälen. Wo ist das Ziel da oben? Es gibt immer noch ein Mini-Dorf, oder besser gesagt: eine Ansammlung von Häusern, die noch weiter den Berg hinauf liegt. Man sieht sie nur von unten oft nicht. Ich hätte den Weg vom Talk von Xoxo zum Aussichtspunkt Delgedim zu Fuß absolvieren können, das schlechte Wetter hat mir diese Idee ausgeredet. Scha

Und dieses Immer-weiter-hinauf zieht sich dann über den gesamten Inselrücken. Wo man am höchsten ist, sieht man wie beschrieben leider nicht aufgrund des schlechten Wetters.

Jenseits der Wasserscheide af der Südseite des Vulkans wird es auf einemmal trockener, aber auch unspannender. Super dass man plötzlich nach Süden zum Meer bei Porto Novo blicken kann.

Genuss-Orte

Schmucke Stuben auf dem Grat der Genüsse

November 1, 2017
Reise in die Südsteiermark zu Wein und Genuss

Die Südsteirische Weinstraße ist ein echter Panoramaweg. Wein und Jause im Buschenschank genießt man in Lagen, die mindestens zu einer Seite eine tolle Aussicht bieten. Ganz besonders ist mein Herz gewonnen, wenn ich in einer Stube mit historischem Interieur sitze und verwitterte Holzbalken den Himmel tragen. Zwei Beispiele, für die das Wort „urig“ im besten Sinne angebracht ist.

Köstliches aus der Küche, als Krönung: Kernöl und Kriecherl

Schönes Ambiente, gutes Essen und sympathische Wirtsleut: Passt irgendwie alles im Wirtshaus Schramm. Das Gemäuer war ein altes Winzerhaus und das sieht man ihm auch heute noch an. Die Landschaft betrachtet man durch kleinen Fenster. Mit der authentischen Holzbohlendecke und den roh verputzen Wänden kommt so auch abends Gemütlichkeit auf.

Warmes Licht und eine eben solche Atmosphäre prägen die Gaststube. Die vielen Sonnenblumen, die sie jetzt im Herbst schmücken, unterstreichen das und beleben zugleich. Teils schmückt hölzernes Mobiliar aus historischen Zeiten die Räume, teils ergänzen liebevolle Details die Gaststube.

Das Äußere passt wiederum perfekt zur Küche des Hauses. Denn hier wird hochklassig und gleichzeitig regional und saisonal gekocht. Herta Schramm nutzt beste Zutaten von den Landwirten der Umgebung. Die Karte ist übersichtlich – das zeugt davon, dass man sich hier auf die Kernkompetenzen konzentriert. Beiriedschnitte, Saiblingfilet aus heimischen Teichen sowie das typische steirische Backhendl stehen auf der Karte. Ein Genuss auch das Schweinefilet mit Schwammerlrisotto.

Räumliche Offenheit und die Nähe zur Theke prägen die Stimmung. Denn das wohlschmeckende Essen und die guten Getränke werden im Restaurant Schramm von herzlichen und kommunikativen Menschen präsentiert. Da wird auch mal ein Wein empfohlen, der mir bestimmt schmecke, da mir ja dieser und jener andere zuvor ja bereits mundete. So klappt das mit dem Wohlfühlen.

Das lässt erahnen, dass ich mein Urteil zumindest innerlich bereits fällte, bevor die fortgeschrittenen Weine an der Reihe waren. Die kommen selbstverständlich von Weingütern der Region. Das Spannende daran: Ist man schon ein paar Tage der Gegend, verbindet man mit manchen Namen einen bestimmten Ort, den man bereits erwandert oder zumindest gesehen hat. Das gibt dem Genuss eine weitere Dimension. Man trinkt förmlich ein Stück der herrlichen Umgebung. Mein Favorit hier: Roter Sernauberg – ein edler Granat zwischen den vielen Weißen.

Wo Steirer Köstlichkeiten servieren, da bleibt kaum ein Gericht Kernöl-frei. Auch nicht das Eis. Und das ist auch gut so. Schwer vorstellbar vielleicht, aber mitsamt den Kürbiskernen als Krokant wächst hier zusammen, was zusammen gehören darf.
Auf all die Köstlichkeiten zum Abschluss einen Kriecherl. Die Frucht, der dieses Wässerchen zu verdanken ist, nennt man in weiten Teilen der deutschsprachigen Welt auch Mirabelle. Aber ehrlich: Klingt Kriecherl nicht irgendwie besser oder zumindest lautmalerisch? Wichtig: beim Vokal Mund in die Breite ziehen, das „ch“ hart aussprechen. So wird das nach dem umfangreichen Mahl unweigerlich aufkommende Völlegefühl im Bauch förmlich zerhackstückelt.

Dabei ein kleines Gespräch mit Werner Schramm, der es genau wie ich schwer verstehen kann, dass viele Menschen bei dem, was sie über ihren Körper ziehen mehr Wert auf Luxus und Status achten, als bei den Dingen, die den Weg in den Körper finden. Zur Untermalung reicht er mir zum Abschluss naturtrüben Apfelsaft und Traubensaft aus der Gegend – so wie sie natürlich schmecken.

Auch außerhalb der von mir so geschätzten Gaststube ist es schön im Gasthaus Schramm: Die Terrasse liegt unmittelbar oberhalb steil abfallender Weinberge, man blickt über ein weites Tal auf die Hügel und Berge im Süden, die sich von hier aus gesehen malerisch übereinander türmen.

Gleich neben der Terrasse lässt sich zudem auf ein paar Liegestühlen chillen.

Altes Steinhaus

Noch etwas uriger sieht es im und rund um das Steinhaus des Weinguts Silly aus. Die gesamte Bausubstanz des alten Winzerhauses ist authentisch geblieben, mit Pergola-überdachter Terrasse. Hier ist allerdings kein richtiges Restaurant eingezogen, vielmehr gibt es hier zum Wein das, was Gerald Silly gerade anzubieten hat. Dabei achtet er darauf, dass es sich um beste saisonale Erzeugnisse der Region handelt.

Am historischen Herd in der Küche, die den Luxus des Einfachen versprüht, werden Kleinigkeiten wie Kaiserschmarrn oder ein Parmesan mit Isabellatraubengelee zubereitet.

Man kann diese Örtlichkeit aber auch für ein opulenteres Mehr-Gänge-Menü buchen.

Und so speist man in der gemütlichen Stube genauso gut wie auf der Terrasse mit wunderschönem Ausblick nach Slowenien. Wobei – wenn man ganz genau ist, befinden wir uns bereits auf slowenischem Gebiet. Die Südsteirische Weinstraße bildet hier die Grenze, aber das ist ohnehin nur unnötiges Randwissen und die Grenze nur auf Karten existent. Der ein oder andere Tisch steht auch auf dem Rasen unter Obstbäume.

Beide Lokalitäten bieten eine große Gastlichkeit und Genuss in individuellem Stil. Dafür sorgen Lage und herzliche Gastgeber, mit denen man über Wein, Landschaft und Weltgeschehen ratschen kann. Man hat das Gefühl, eine Entdeckung zu machen. Das historische Ambiente ist nicht bloß Fassade – mit ein bisschen Lack die Nostalgie bedient, sondern Authentizität in alten Gemäuern.

Genuss-Orte

Köstliches an der Südsteirischen Weinstraße

Oktober 15, 2017
Weinstraße in der Südsteiermark

Der Buschenschank von Eva Lambauer liegt an einem der vielen schönen Aussichtspunkte der Südsteirischen Weinstraße. Der Blick in die Landschaft ist großartig – besonders Frühaufsteher werden belohnt. In den gemütlichen Gasträumen gibt es eigenen Wein und kalte Köstlichkeiten.

Das Morgenrot war heute wieder unglaublich, sagt Eva Lambauer. Ich frage, wann das gewesen sei. „Ach, um 6:30.“ Mist – wieder verpasst. Was muss ich auch immer so lange schlafen …! Allerdings bietet der Himmel auch Stunden später noch ein schönes Spektakel. Wenn sich die Morgensonne über die Weinberge emporhebt und sie in ein warmes licht taucht zum Beispiel. Ein Gefühl tiefer Ruhe stellt sich ein, nur gestört von den wenigen Autos, die um diese Uhrzeit auf der Südsteirischen Weinstraße unterwegs sind. Tief im Tal hängender Frühnebel hat dagegen etwas Mystisches. Der Blick weitet sich nach Osten, teilweise weit ins benachbarte Slowenien hinein. Und diese Aussicht ist natürlich zu jeder Tageszeit schön.

An diesem Vormittag geht es am Steilhang unterhalb des Buschenschanks quirlig zu. Es ist Lesetag. Die reifen Trauben, die später einmal in gekelterter Form in Eva Lambauers Buschenschank auf den Tisch kommen, finden erst einmal den Weg in die Kelterei des Weinguts Tement, wo sie für Lambauer gekeltert werden.

In Lambauers Buschenschank munden die Tropfen dann zu Käferbohnensalat, Gemischtem Käseteller, Hausterrine mit Salat und Apfelkren. Oder zu einer Sulz (Sülze) mit Rettich und Kernöl. Überhaupt: Kernöl! Das schwarze Gold der Steiermark veredelt so einiges an Gerichten aus einfachen Zutaten. Ich schlemme mich durch die kalten Speisen, und ich werde immer mehr zum Fan des Kernöls. Besonderes Schmankerl und nicht jeden Tag erhältlich: Ziegenkäse mit Honig. Ja, der Städter kennt die Kombi aus vielen Cafés, aber man glaube mir: Das schmeckt hier anders. Spezieller!

Natürlich trägt zum Geschmackserlebnis auch die Umgebung dabei, die ohne Übertreibung zauberhaft zu nennen ist. Auch am späten Nachmittag, wenn die Sonne gerade noch über die Hügel im Westen lugt – in dieser Richtung müsste man für den Weitblick etwas gehen – ist das Idyll im Garten des Lambauerschen‘ Buschenschanks in warmes Licht getaucht. Ich sitze von Bäumen beschattet und genieße Ruhe, saftiges Grün und Landluft um mich herum zu den kalten Köstlichkeiten.

Das Äußere wie das Innere des Hauses sind ein bisschen untypisch für die Steirische Weinstraße, wo historische Gebäude meist von der einfachen bäuerlichen Kultur zeugen. Das liegt an seiner Geschichte. Ein General der k. & k. Armee, der aus städtischen Gefilden in die Region verlegt wurde, ließ sich das Haus im 19. Jahrhundert erbauen. Detailgetreu renoviert, erinnert das Ambiente an klassische Stadthäuser. Heute lebt und genießt es sich gut unter hohen Decken und umgeben von Möbeln im Stil des Biedermeier.

Seit vielen Jahren führt Eva Lambauer das Haus und bewirtet gemeinsam mit ihrer 89jährigen Mutter Gäste – solche, die in den Zimmern des Hauses ihren Urlaub verbringen oder nur für einen Buschenschank-Besuch hereinkommen. Dabei wissen beide manche Anekdote oder Begebenheit aus der Küche der Weinlegenden zu berichten. Auch Empfehlungen der schönsten Plätze der Umgebung bekommt man ungefragt.

Wein, Kernöl und all die anderen Köstlichkeiten der Umgebung schmecken scheinbar nicht nur, sondern sind gleichermaßen Kommunikationsverstärker und Jungbrunnen für Körper und Geist.

In den Bergen

Die Natur als Künstlerin: Alpenfluss Soča in Slowenien

Oktober 11, 2017

Die Soča durchfließt die slowenischen Alpen vom Triglav Nationalpark bis in die Küstenebene der Adria bei Trieste. Die Klammen mit verblockten Felsen sind genauso spektakulär wie die Farbe des Alpenflusses.

Das ist ja wirklich so blau wie auf den Fotos, die ich zuvor gesehen habe. Wenn man sie denn mal sieht, die Soča. Denn an vielen Stellen stehen die Felswände, durch die sich der Fluss zwängt, verblockt und verdecken den Blick aufs Wasser. Eine wilde Klamm hat sich die Soča hier in den Kalkstein der Julischen Alpen gegraben. Spektakuläre Abschnitte gibt es einige, wie zum Beispiel hier etwas unterhalb des Dorfes Soča. Beim Kamp Soča und dem Dorf Podklanec starten Pfade, die eine der pittoreskesten Abschnitte begehen. Ich biege ab und zu vom Pfad ab. Sehr schön: Man wird nicht auf langweilige Holzstege gezwungen, die die wilde Natur in eine zivilisiertes Korsett zwängen. Vielmehr geht es kreuz und quer über die Felsen und ich kann mich auch schon mal über den Abgrund lehnen und dem lauten Rauschen und Gurgeln unter mir zuhören.

Was weiteres Staunen erzeugt: Die Farbe ändert sich je nach Lichteinfall, Sonnenschein, Fließgeschwindigkeit und Untergrund. Stromschnellen sind natürlich etwas tolles, aber das ruhige Wasser bietet das intensivste Blau beziehungsweise Türkis.

Berühmt ist die Sofa nicht nur für ihre spektakulären Klammen, auch weiter unten fließt der Fluss naturbelassen in einem breiteren Bett und das ist im Alpenraum sehr selten, fast schon einzigartig. Hoffentlich bleibt dies auch so. Es gab bereits Pläne, die Soča zwecks Energiegewinnung aufzustauen – was eine Sünde höchsten Grades wäre.

Die Hängebrücken verstärken den Abenteuercharakter der Landschaft. Sie haben meist schon bessere tage gesehen und sind schwingungsintensiv.

Eine echte Konkurrenz erwächst – oder besser erfließt – der Soča im eigenen Nebenfluss: Das kurze Flüsschen Tolminka, das bei Tolmin in die Soča mündet, bildet die Tolminska Korita. Am Grund dieser fast 100 Meter tief eingegrabenen Klamm erahnt man nur gerade so, dass es mitten am Tag ist. Die Sonne scheint dann gerade mal durch die kleine Öffnung der Schlucht hinein.

Stadtlust

Tanzen gegen den Verfall: Havanna

Juli 26, 2017

Kuba – das ist für viele Menschen ein Sehnsuchtsland. Ich gehöre zu ihnen – schon seit mehr als zehn Jahren steht das Land ganz oben auf meiner Must-do-Liste des Reisens. Bröckelnde Fassaden, die morbide Romantik verströmen, Oldtimer, das gute Leben, Tanzen, Mojito. Und jetzt hab Ichs endlich geschafft, herzukommen. Und hoffe, dass meine Vorstellungen nicht allzu weit von der Realität abweichen. Schließlich ist auch Kuba schon länger nicht mehr aus der Welt gefallen und auch hier zählt es, Mythen und Träume teuer zu verkaufen. Zunächst heißt es: Sieben Tage Havanna, ganz in Ruhe die Stadt erkunden. Continue Reading…

Wasser

Auf verschlungenen Wegen nach Baracoa im Osten Cubas

Juli 24, 2017

Baracoa liegt am östlichen Ende von Cuba. Der Weg hierher dauert, ist fast ein bisschen abenteuerlich. Dafür ist man plötzlich in einer anderen Welt: Keine allzu großen Touristenströme, sondern Leute, die sich aufs Land einlassen. Umgeben ist Baracoa von Bergen, der mit Regenwald bedeckt sind, an denen die letzten Wirbelstürme leider reichlich gezerrt haben.

Eine Stadt am Honigmund, die Kaffee und Schokolade inhaliert und einen veritablen Tafelberg besitzt. Und die, wenn alle (Verkehrs)stränge reißen, sich immer noch selbst versorgen kann: Klingt nach Paradies? Ein bisschen hat man das Gefühl, in ebenjenem zu sein, wenn man nach langer Busfahrt über die steilen Pässe der Sierra de Purial in Baracoa ankommt.
Die Stadt liegt an der Boca de Miel oder Bahía de Miel – Honigbucht oder Honigmund eben. Erstes Anzeichen, dass man in einer Region ist, in der Milch und Honig fließen, ist das Angebot von Cucuruchos. Diese Süßspeise wird schon bei einem Stopp an der Passstraße angeboten werden. Dabei handelt es sich um eine Süßspeise aus Kokosnuss, Honig, Ananas, Guave und vor allem: ganz viel Zucker. Gewickelt wird das Ganze in einen spitzen Kegel aus Palmblättern, hat also die Form wie ein klassisches Cornetto-Eis im Freibad. Schmeckt reichlich süß und für meinen Geschmack ein bisschen zu viel nach Banane.

In Baracoa angekommen, merkt man schnell, dass die Uhren hier anders ticken als sonst in Cuba. Taxis werden hier mit Muskelkraft betrieben. Im teuersten Hotel kann jeder im Pool baden, auch wenn er hier nicht wohnt. Wenn man den steile Hang zum Hotel El Castillo erklimmt, hat man von oben einen großartigen Blick auf Stadt und Bucht.

Emilio, der mit seiner Familie hier ist, erklärt mir mit untrüglichen Handzeichen schnell, worauf es ankommt in Cuba: Vier Geliebte habe er – neben seiner Frau. Das gehört so, meint er. Nun ja, dass diese Land eine andere Sexualkultur hat, weiß man bald, wenn man sich ein bisschen umschaut. Erfreulicherweise profitieren davon aber nicht nur Männer und das gute und leichte Leben wird auch Menschen jenseits der Heterosexualität zugestanden. Ich werde in meinen drei Tagen Baracoa gleich Zeuge eines Queer Festivals. Eine kleine Parade, spontanes Singen, Get-together und Konzerte in den Straßen bis spät in die Nacht und informelle Partys bis in den frühen Morgen.

Ich muss mich leider irgendwann verabschieden – ich muss morgen El Yunque besteigen. Der Tafelberg überragt Baracoa zwar nur um 600 Meter. Aber er hat eine charakteristische Tafelform. Diese Form sorgt dafür, dass Baracoa bis heute für sich in Anspruch nimmt, erster Ort zu sein, an dem Kolumbus 1492 cubanischen Boden betrat. Denn der Seefahrer berichtet von einer Naturbucht, über der sich ein tafelförmiger Berg erhebe. Nun liegt man seitens Baracoa im Streit mit Bariay in der Provinz Holguin, was denn nun wirklich der Ort war, in dem Kolumbus Kubanischen bBoden betrat. Wahrscheinlich haben die …. aber recht. Einen tafelförmigen Berg haben sie in Bariay auch und obendrein die Lage von Kolumbus beschriebene Lage an einer Bucht mit vielen Bäumen. Da der Tafelberg, den Kolumbus sah, aber eienn Sattelartigen Einschnitt hat, war der Eroberer wohl eher dort. Doch, ganz ehrlich: Müsste man stolz auf die Landung der Eroberer oder Entdecker sein, die für Cuba und den Rest des Kontinents ja alles andere als nur positive Folgen hatte?

Um El Yunque zu besteigen, muss ich erst einmal ein bisschen Jeep fahren. Der Paradeberg protzt nicht ganz so mit seiner Präsenzhält sich gegenüber Stadt und Küste ein bisschen im Hintergrund und protzt nicht ganz so ar: Am Ende der Straße warten dann die Pforte (Eintritt bezahlen) und Fernando auf mich, mein Führer. Eintritt und Fernando kosten aber zusammen nur etwa 15 Euro – und Fernando wird mich immerhin fast 5 Stunden lang begleiten. Zunächst nötigt er mich, eine 2. Flasche Wasser zu kaufen, da er meint, meine Eineinhalb-Liter-Flasche reiche nicht aus. Er soll später recht behalten, wenn auch nur knapp.

Erstmal geht es gemächlich bergauf, dann heißt es bald: Fluss durchqueren. Waten bis zur Brust – Nature-Feeling. Die steilen Flanken von El Yunque grüßen schon.

Hinter dem Fluss Rio Duaba steigt der Weg dann deutlich an. Es dauert nicht allzu lang und ich merke die Anstrengung. Schließlich geht es bei 33 oder 36 Grad, hoher Luftfeuchtigkeit und senkrechtem Sonnenstand steil bergauf. Normalerweise, sagt Fernando, würden wir hier hübsch im Schatten eines dichten Blätterdachs gehen, doch im Herbst 2016 hat Hurricane Andrew einen Großteil der Bäume niedergemäht. Nun also: Volles Brüten. Als wir an einer Pausen-Hütte ankommen, läuft mein Kreislauf nicht mehr ganz rund. Viel trinken, ein bisschen Schatten und das Mark einer Kokosnuss, die Fernando aufschneidet, stärken mich wieder.
Dann geht’s weiter zum ‚Gipfelanstieg‘. Auf dem Weg zeigt mir Fernando manch endemische Pflanzenart und einen ziemlich giftig aussehenden Tausendfüßler.

Den restlichen Aufstieg schaffe ich ohne weitere Kreislaufprobleme. Wahnsinn! Obwohl: noch nicht mal 600 Höhenmeter. Oben hat man einen ziemlich beeindruckenden Rundum-Blick, außer Baracoa ist keine Besiedlung zu erkennen.

Nach Genießen des Rundblicks und ausreichend Verschnaufen fängt es nun ein bisschen an zu regnen und wir machen uns auf den Rückweg. Nach zweiter Flussdurchquerung geht es nun wiederum den Berg leicht hinauf. Dann muss erneut der Fluss durchquert werden, dieses Mal ist das Wasser noch tiefer. Dann noch ein bisschen über Felsen bergauf, zu einer kleinen Kaskade mit Naturpool: Charco de la Piña. Herrlich, darin zu schwimmen, immer wieder auf den Wasserfall zu. Ich liebe diesen Kontakt unmittelbar mit Naturkräften. Und immer, wenn ich ihn habe, danke ich mir: Wie blöd, dass ich so etwas nicht öfter mache: mich den Elementen aussetze, gegen Störungen anschwimme, beim Bergwanderin verausgabe, tauche, in großer Höhe wandere usw.

Schließlich Rückweg, mein Fahrer Aurelio, der Onkel von meinem Host Pepe, lacht: „Haha – Wie lange hat das denn gedauert.“ Haha, ich hab alles gegeben, Mann! Jedenfalls ist der Tag fast vorbei, ich mache heute nichts weiteres mehr . Zuerst war angedacht, noch nach Yumurí zur landschaftliche spektakulären Mündung des gleichnamigen Flusses zu fahren.
Auf dem Rückweg nehmen wir drei Abiturienten aus Bayern mit: Sind alle auf eineinhalbjähriger Reise durch Mittel- und Südamerika und feiern zwischen zwischen dem zielloserem Herumfahren viel. Ein Hoch auf die Jugend.

Die drei treffe ich auch spät nachts wieder bei einem Kulturfest – man feiert gerne und oft in Baracoa. Ich muss leider wieder weit vor Ende der Party ins Bett, denn ich will am nächsten Tag noch nach Yumurí. Die Boca de Yumurí, die Mündung des gleichnamigen Flusses ist ziemlich spektakulär. Zu dritt will ich mit Scott aus Schottland und Marianne aus Australien dorthin. Der Fluss zwängt sich durch 200 Meter hohe Felswände hindurch.

Am eindrucksvollsten wird an diesem Tag jedoch eine ganz unverhoffte Begegnung. Während wir wegen Regens in einem Restaurant Pause machen, gehe ich wenigstens ein bisschen am Strand spazieren und sehe ein kleines Haus. Plötzlich steht da ein Mann in Badehose und zeigt schüchtern auf seine bescheidene Behausung. Ich nicke, als er ein zweites Mal auf sein Haus deutet, gehe ich einfach mal langsam zu ihm hin und werde hinein geführt. Er heißt Wilder und stellt mir gleich seine Mutter Aurelia vor. Die beiden leben hier offensichtlich gemeinsam in zwei Zimmern. Wilder ist 50, Aurelia 63 Jahre alt.
Ich bekomme einen Kaffee gemacht. Und ich soll fotografieren, ausdrücklich erwünscht, und zwar sie beide in ihrem Zuhause . Der Plan: ich mache schöne Fotos und in ein paar Jahren komme ich wieder, um den beiden Abzüge zu bringen. Dazu zeigen sie mir etwas vergilbte Fotos von anderen Leuten aus Deutschland, die genau dasselbe schon getan haben. Ein bisschen plaudern wir, es ist nett und von ehrlichem Interesse geprägt, auch wenn wir natürlich noch allzu viele Themen haben. Ich muss bzw. darf hier selbstverständlich nichts für den Kaffe bezahlen.

Als ich gehe, kommen mir beinahe die Tränen. Gerade sehr einfach lebende Menschen wie diese zwei schenken einem etwas. Was die sogenannte zivilisierte Welt von ihnen lernen könnte…

Am Abend, meinem letzten in Baracoa, genieße noch ein bisschen die schwülwarme Luft unter dichten, tief hängenden Wolken. Es sieht fast bedrohlich aus. El Yunque ist in der Ferne unter den Wolken verborgen, die drückende Luft hält mich gefühlt fest umschlungen. Ich liebe solche Wetterstimmungen. Das Fehlen von Sonnenlicht macht das Hier und Jetzt klarer, es lässt einen mehr auf den Ort fokussieren und die warme Luft auf der Haut fühlt sich grandios an.

Baracoa ist für mich mit das Highlight auf Cuba. Schöne Landschaft, das stärkste Tropenfeeling, supernette Menschen, zudem gibt es hier auch keine agressiven Anbieter von Taxis und Casa Partikulares. Mit Wehmut packe ich meine Sachen und beschließe, auf jeden Fall wieder zu kommen.