Wasser

Borthwnog Hall: Abgeschiedenheit zwischen Bergen und Meer in Wales

Juli 10, 2017

Diese Straße will einfach nicht enden. Seit einer Stunde nichts als: Linkskurve, Rechtskurve, Linkskurve, Rechtskurve. Kurz getaktet. Höllisch aufpassen dabei, denn die Straße ist eng, sehr eng. Auf der rechten Seite ein Mittelstreifen, manchmal auch nicht, auf der linken eine Begrenzung, meist in Form einer Narursteinmauer. Das ist bestimmt sehr romantisch – habe ich aber gerade keine Nerven für, denn ich fahre Auto und es ist Nacht. Und es ist noch dunkler als nur dunkle Nacht, denn über der engen Straße neigen sich die Bäume und machen die Straße zu einer Art Laubengang. Mit der Zeit und dem immer selben Bild vor Augen stellt sich der Wahn ein und ich glaube, die Äste greifen nach dem Auto. Dabei ahne ich schon die ganze Zeit, dass es verdammt schön hier sein muss. Wir sind so spät dran, weil wir a) die Fahrtzeit von Yorkshire ziemlich falsch eingeschätzt hatten und b) Umleitungen die Fahrt zusätzlich verzögerten.

Kurz vor Mitternacht sind Julia und ich endlich da: Borthwnog Hall. Einsamer geht’s nicht. Auch in den Kleinstädten, durch die wir zuletzt fuhren, regte sich am Straßenrand so gar nichts mehr, hier zwischen einzelnen Natursteinhäusern erst recht nicht. Das Tor geht durch Bewegungsmelder auf, wenn man nur dreist genug heran fährt. Auf dem Parkplatz sehe ich dann einen älteren Herrn – mit ihm, das ist gleich klar – haben wir mehrfach über unsere späte Ankunftszeit telefoniert. Ziad, der Gastgeber und Seniorchef, blieb extra so lange wach um uns zu empfangen. Nun irrt er an uns vorbei auf dem Parkplatz herum – er scheint ein bisschen schwerhörig zu sein und sich auch im Dunkeln nicht gut zurechtzufinden.

Der Trumpf der Abgeschiedenheit

Das erste, was ich nach Einchecken und Gepäck ins Zimmer bringen, tue: Den kurzen Weg bis ans Ende des Grundstücks gehen, dort, wo man in Richtung Mündung des Flusses Mawddach blickt. Dank der sternenklaren Nacht erkennt man die Konturen der Landschaft gut. Eine dünne Mondsichel lässt das Gewässer, dass das Tal durchfließt, silber funkeln. Obwohl der Blick weit über das offene Tal schweift, erkenne ich nur eine einzige Behausung auf der anderen Talseite. Großartig! Einsamkeit, Natur, Landschaft.
In den nächsten Nächten werde ich an genau dieser Stelle noch öfter sitzen. Dann werden die Nächte nicht so klar sein, dafür wird es ein ständiges Spiel der Wolken geben, was die Landschaft in immer neue Lichtverhältnisse taucht – auch nachts.

Am nächsten Morgen, nach dem besten Frühstück, das ich bis zu diesem Zeitpunkt auf den Britischen Inseln genossen habe, stehe ich erstmal wieder an der kleinen Brüstung und genieße die Landschaft, den fjordartigen Mawddach-Fluss. Versuche, das korrekt auszusprechen, schlagen meist fehl. Der Mawddach ist im Prinzip ein Fjord. Er fließt hier zwar noch dem Meer entgegen, aber eigentlich ist er auch schon Teil des selbigen. Denn bei Flut wird Meerwasser in den Fluss gedrückt und die Sandbänke und Salzwiesen, die die Ufer säumen, sind dann teilweise überflutet. Bei Ebbe grasen Rinder neben den Wildgänsen. In der Ferne sieht man eine Öffnung in den Hügelketten – dort, wo der Mawddach endgültig ins Meer fließt.
Diese Szenerie überblickt man traumhaft von Borthwnog Hall aus. Das alte Herrenhaus ist fast das einzige weit und breit. Schaut man über den Fluss, sieht man in der Ferne einzig den Pub George III, zu dem man über eine Holzbrücke gelangt, die ab 18 Uhr abends nur zu Fuß überquert werden kann. Neben dem Weg, der zum Aussichtspunkt führt, liegt ein Garten mit lauschigen Ecken.

Auf dem ganzen Gelände von Borthwnog Hall kann man sich prächtig den ganzen Tag lang aufhalten. In den hinteren Ecken sieht es fast verwunschen aus, alte Steinbögen zeugen von vergangenen Zeiten. Vor dem alten Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert ist eine große Wiese, von einer schönen Veranda aus blickt man über diese Wiese auf das Tal mit Fluss.

Dank Südausrichtung ist das Ganze auch eine sonnenbeschienene Angelegenheit. Nunja, mit einer solchen Formulierung sollte man in Wales vorsichtig sein. Die Sonnenscheinmomente sind ziemlich rar, man genießt sie aber daher automatisch umso mehr. Und die Sonne-Wolkenspiele am Himmel lassen das Fotografenherz höher schlagen.

Walisisches Wetter? Kein Problem!

Wenn es öfter mal regnet, ist eine schöne Unterkunft mit angenehmen Räumen umso wertvoller. Und genau die hat man in Borthwnog Hall. Die Zimmer sind gemütlich eingerichtet, mit einem Mix aus historischen und modernen Möbeln, auch im Nebentrakt hat man ein sehr modernes Bad mit stylischen Armaturen.
Die historischen Möbel im Aufenthaltsraum und auf den Fluren sowie die Teppiche stammen aus Asien, passen dabei sehr gut in die großzügigen Räume. Überall liegt Lektüre herum, mit Hilfe der man sich schlau machen kann über Ziele für die kommenden Tage.

Schöne Einrichtung allein brächte aber nicht so viel, wenn man sich nicht wohlfühlen würde. Dass man es hier tut, dafür sorgen Ziad, der Vater des Besitzers, und Marianne, die gute Seele des Hauses. Gemeinsam mit dem supernetten Rest der Belegschaft lesen sie einem nicht nur beim Frühstück jeden Wunsch von den Augen ab. Man merkt Ihnen an, dass Sie das Gästehaus aus Passion führen und gerne Gäste haben. Zum Verständnis der walisischen Sprache, die mich als Fremden ratlos zurücklässt, haben sie einige Erklärungen für mich. So sind zum Beispiel besonders lange Ortsnamen stets eine Aussage über die Lage. Ein Dorf in der Nähe heißt Penrhyndeudraeth – das heißt Landzunge mit zwei Stränden. Na dann.

Seit 2003 haben die es umgestaltet, vorher war hier ein normales Hotel mitsamt Kunstgalerie untergebracht. Von den Kunstwerken sind auch in den jetzigen Räumen noch zu sehen.
In Borthwnog Hall kann man sich rundum wohlfühlen, und Ziad sagt nichts Falsches, wenn er zum Abschied meint: „Now, you have friends in Wales“.

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